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Ökonomenstimmen zur Mindestlohn-Studie von König und Möller

Das Handelsblatt hat eine Reihe renommierter Arbeitsmarkt- und Ökonometrie-Experten über ihre Meinung zur Mindestlohn-Studie von Marion König und Joachim Möller befragt. Lesen Sie hier die vorllständigen Antworten.
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Thomas K. Bauer, RWI Essen:

Die Studie von König und Möller ist zweifelsohne die aus empirischer Sicht bisher kompetenteste Studie für Deutschland. Insbesondere ist der empirische Ansatz für die Fragestellung im Prinzip angemessen. Aufgrund der verwendeten Daten - leider existieren für Deutschland aber keine besseren Daten - muss man die Ergebnisse mit Vorsicht interpretieren:

1) In den verwendeten Daten stehen keine detaillierten Informationen zu den gearbeiteten Wochenstunden zur Verfügung. Die Autoren sind deswegen gezwungen, verschiedenste Annahmen zu machen. Insoweit diese Annahmen, die nicht getestet werden können, nicht zutreffen, sind die empirischen Ergebnisse verzerrt, da die Treatment und Kontrollgruppe nicht perfekt voneinander getrennt werden können. Diese Annahmen können auch für die unterschiedlichen Ergebnisse für West- und Ostdeutschland verantwortlich sein

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2) Die Autoren müssen die Zugehörigkeit in die Treatment- und Kontrollgruppe schätzen. Dies verursacht weitere Unsicherheit und potentielle Verzerrungen in den Schätzergebnissen.

Insgesamt sind die Ergebnisse nicht überraschend. In Ostdeutschland kam es augrund des Mindestlohns zu erheblichen Lohnsteigerungen von denen eine nicht unerhebliche Anzahl von Beschäftigten betroffen war. Daher entspricht es den theoretischen Hypothesen, dass man für Ostdeutschland negative Beschäftigungseffekte findet. In Westdeutschland kam es hingegen nur zu einer geringen Lohnsteigerung. Zudem waren nur vergleichsweise wenige Beschäftigte vom Mindestlohn betroffen. Daher ist es sehr schwer, in empirischen Daten hier verlässliche Effekte zu identifizieren.

Die Ergebnisse sind nach meiner Ansicht nach nicht auf andere Branchen übertragbar, darauf weisen ja auch die Autoren der Studie hin.

Ich denke, die Studie von König und Möller ist eher ein Beleg dafür, dass ein derartiger Mindestlohn in Deutschland potentiell zu Beschäftigungsverlusten führt, wenn viele Arbeiter von einem derartigen Mindestlohn betroffen sind (selbst wenn erhebliche Zweifel an der Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Branchen angeführt werden können). Es steht zu befürchten, dass hier insbesondere bereits benachteiligte Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz verlieren. Hierzu möchte ich auf die von Herrn Schmidt und mir verfasste »  RWI-Position verweisen.

Wolfgang Franz, ZEW Mannheim

Wie bei der Reputation der Autoren nicht anders zu erwarten, handelt es sich um eine sehr sorgfältige Studie, die sich an der Front der Forschung befindet. Die Arbeit muß nun insbesondere aus methodischer Sicht intensiv diskutiert werden und dabei muß geprüft werden, wie sensitiv die Resultate auf Änderungen in der Methodik reagieren. Da habe ich schon manche Überraschung erlebt. Außerdem wäre in diesem Zusammenhang der Einfluß der Schattenwirtschaft in der Bauwirtschaft genau zu evaluieren.

Die Ergebnisse sind sehr gemischt: In Ostdeutschland hat ein Mindestlohn ganz klar Beschäftigungsverluste zur Folge, für Westdeutschland sind die Resultate uneinheitlich. Auf jeden Fall kann man aus diesen Ergebnissen kein Plädoyer für einen Mindestlohn formulieren.

Die Ergebnisse sind nicht auf andere Branchen übertragbar. Bauleistungen sind in der Regel nicht transportfähig (von Fertigbauten abgesehen). Bei anderen Gütern und Dienstleistungen bestehen aber größere Ausweichmöglichkeiten.

Einen Mindestlohn gleich welcher Höhe lehne ich kategorisch ab. Er kostet in der Regel Beschäftigung und bringt vielfach nicht die Vorteile, die sich ihre Befürworter erhoffen. Fast immer dient er der Abwehr unliebsamer Konkurrenz, wie das Beispiel eines Mindestlohns für Briefzusteller überdeutlich zeigt.

Die Studie von König und Möller ändert nichts an meiner Hanltung. Ich bleibe dabei: Hände weg vom Mindestlohn!

Hans-Werner Sinn, Ifo-Institut München:

Da König und Möller die Arbeitszeit nicht beobachten können, kennen Sie die Stundenlohnsätze nicht und wissen insofern nicht, ob und wie die Mindestlöhne greifen. Sie berücksichtigteb die sich dabei ergebende Unschärfe aber bei ihrer Modellvariante 2. Diese Variante ist deshalb die von ihnen präferierte Variante.

Für die präferierte Variante zeigt sich eine hohe statistische Signifikanz und ein stark negativer Beschäftigungseffekt der Mindestlohnregelung für die neuen Bundesländer, was auch schon Thum und Ragnitz aufgrund ihrer Untersuchungen bezüglich der wirklichen Lohnverteilung festgestellt hatten. Für die alten Bundesländer, wo Thum und Ragnitz einen kleineren negativen Effekt ausrechnen, kommen König und Möller zu keinen signifikanten Ergebnissen.

Dass König und Möller im Westen keine signifikanten Ergebnisse finden, liegt daran, dass die Bindungswirkung der Mindestlöhne dort gering ist. Wenn man Mindestlöhne setzt, die beim Marktlohn oder knapp darüber liegen, kann das keine besonderen Wirkungen haben, weil man a) das Marktgleichgewicht kaum stört und b) ein Unterlaufen durch Verlängerung der Arbeitszeit jederzeit möglich ist.

Die Allgemeinverbindlichkeitserklärung war im Westen Deutschlands ziemlich belanglos, weil die Tarifbindung ohnehin weithin griff. In den neuem Bundesländern war die Situation völlig anders. Hier hatten sich die Unternehmen aus der Tarifbindung befreit, indem sie scharenweise aus dem Arbeitgeberverband austraten. Die neuen Bundesländer sind deshalb ein idealer Testfall für die Wirkung von Mindestlohnregeln. König und Möller kommt das Verdienst zu, die negative Beschäftigungswirkung nun auch für Deutschland explizit gezeigt zu haben. Da man davon ausgehen kann, dass die sonstigen institutionellen Verhältnisse des Arbeitsmarkte in Ost und West gleich sind (gleiches Rechtssystem), zeigen die Ergebnisse von König und Möller zweifelsfrei, dass eine Aufhebung der Tarifbindung im Westen des Landes einen Beschäftigungsschub erzeugen würde.

Dennis Snower, Kieler Institut für Weltwitschaft:

Die Studie von Marion König und Joachim Möller zeigt, dass der Mindestlohn signifikant negative Effekte auf Ostdeutschland hat und keine oder kaum signifikante positive Effekte in Westdeutschland. Wenn wir nur die positiven Seiten dieser Ergebnisse zusammenfassen wollen, dann kann man folgendes sagen: Wenn der Mindestlohn sehr niedrig ist und wenig gehoben wird, dann wird es kaum Effekte auf die Beschäftigung geben. Wenn der Mindestlohn hoch ist und signifikant angehoben wird, dann können wir einen negativen Effekt auf die Beschäftigung erwarten. Der Effekt auf die Humankapitalbildung wurde nicht berücksichtigt. Diese Studie ändert nicht meine Haltung zum Mindestlohn. Ich glaube nach wie vor, dass man von diesem Instrument in Deutschland keinen Gebrauch machen sollte.

Klaus F. Zimmermann, IZA Bonn:

Dies ist eine gute, methodisch anspruchsvolle Studie mit relevantem Datenmaterial, das bisher nicht genutzt werden konnte. Sie hat dennoch ganz entscheidende Schwächen, wenn daraus politische Schlussfolgerungen gezogen werden sollen.

Dazu gehören u.a.: In den Daten werden keine individuellen Arbeitszeiten erhoben. Die Personen mit einer Entlohnung unter dem neu einzuführenden Mindestlohn werden mit einer "ähnlichen" Personengruppe verglichen, die zuvor über dem Mindestlohn liegen; es ist fraglich, ob dies in den Daten tatsächlich gelingt, und die getroffene Annahme, der einzuführende Mindestlohn würde die Kontrollgruppe nicht beeinflussen, ist fragwürdig. Der Datensatz stützt sich nur auf Individuen, die komplett in 4 Jahren beschäftigt waren, ignoriert also Neueinstellungen. Und schließlich werden alle Arbeitnehmer nicht berücksichtigt, die in den ausländischen Firmen häten beschäftigt werden können, wenn sie an den Markt hätten kommen können.

Es ist prima, dass die Studie jetzt vorgelegt wurde. Dies wird die Wissenschaft anregen, dazu weitere Untersuchungen anzustellen, damit wir möglichst bald gesicherteres Wissen für Deutschland haben.

Der Bausektor eignet sich aber aus den verschiedensten Gründen überhaupt nicht für eine Verallgemeinerung der Ergebnisse für andere Branchen. Beispielsweise haben wir hier die illegale Beschäftigung und die falschen Stundenangaben, um die Mindestlohnvorschriften zu unterlaufen. Auch ist es eine Besonderheit des Baugewerbes, dass die Tätigkeit ausländischer Unternehmen auf deutschen Boden kontrolliert werden kann.

Als Ökonom halte ich den bei uns derzeit disktutierten Mindestlohn von 7,50 Euro für schädlich. Gemessen an der Tatsache, dass die soziale Sicherung ohnehin bereits einen impliziten Mindestlohn generiert, der im Durchschnitt möglicherweise sogar noch höher liegt als der geforderte explizite Mindestlohn von 7,50 Euro, erscheint ein gesetzlicher Mindestlohn vordergründig als eher harmlos.

De facto gibt es aber zahlreiche Arbeitnehmer, die von der Transferproblematik als mitverdienende Ehepartner, Rentner oder Jobstudenten gar nicht betroffen sind. Insbesondere von den derzeit 5 Mio. ausschließlich in einem Minijob Beschäftigten arbeiten 60% zu einem Bruttostundenlohn von weniger als 7,50 Euro. Hinzu kommen fast 2 Mio. Minijobber im Zweitjob. Die Betroffenen arbeiten deshalb zu vergleichsweise niedrigen Löhnen, weil sie in einer Art Rent-Sharing einen Teil der arbeitnehmerseitigen Subventionierung an die Arbeitgeber in Form von Lohnzugeständnissen weiterreichen. Die entsprechenden Jobs werden durch einen gesetzlichen Mindestlohn erheblich gefährdet. Zugleich wird ein wichtiges Flexibilitätsventil in einem ansonsten hochregulierten Arbeitsmarkt verschlossen.

Durch die Studie von König und Möller ändert sich meine Haltung zum Mindestlohn nicht. Nein. Denn die internationale Evidenz ist erdrückend (» siehe Neumark und Wascher, IZA - Discussion Paper Nr. 2570): In fast allen Studien steigen die Löhne als Folge des Mindestlohns oder bleiben konstant und die Beschäftigungseffekte sind überwiegend negativ. Einzelne andere Untersuchungsergebnisse fallen da nicht ins Gewicht. Eine einzige Studie für Deutschland wäre, selbst wenn sie methodisch unbestreitbar wäre, nicht ausreichend.

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