Ökonomenstreit
Bernd Fitzenberger: "Thema verfehlt"

Ist die moderne Volkswirtschaftslehre zu theoretisch und zu weltfremd? Das behaupten die Unterzeichner eines kritschen Manifests zur Ausrichtung der VWL. Der Freiburger Ökonomie-Professor Bernd Fitzenberger widerspricht in einem Gastbeitrag für Handelsblatt.com.
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83 namhafte Professoren der Volkswirtschaftslehre verfolgen mit Sorge „die zunehmenden Bestrebungen, die Lehre von der Wirtschaftspolitik an den Universitäten zurückzudrängen.“ Der Aufruf der Professoren argumentiert, dass die Lehre und Forschung im Fach Wirtschaftspolitik wichtig sei, um die Frage „Welche wirtschaftspolitischen Institutionen und welche wirtschaftspolitischen Instrumente sind geeignet, bestimmte wirtschaftspolitische Ziele zu erreichen?“ zu beantworten. Weiter führt der Aufruf aus: „Eine gute wissenschaftliche Analyse der Wirtschaftspolitik fußt immer auf solider Wirtschaftstheorie.

Aber sie geht darüber hinaus, indem sie untersucht, inwieweit die theoretisch abgeleiteten Schlussfolgerungen in der Realität anwendbar und umsetzbar sind.“ Schließlich wird beklagt: „Auch in anderen Ländern opfern immer mehr Ökonomen die Realitätsnähe ihrer Analysen dem Ziel formal-logischer Stringenz, und auch dort wird diese Tendenz in der Öffentlichkeit lebhaft beklagt.“ Für mich als angewandter Ökonometriker und empirischer Arbeitsmarktforscher sind dies erstaunliche Aussagen, da der Aufruf die empirische Wirtschaftsforschung nicht erwähnt. Die empirische Wirtschaftsforschung ist das entscheidende Analyseinstrument, um die Realitätsnähe von Theorien zu analysieren und belastbare wirtschaftspolitische Empfehlungen zu entwickeln.

In der aktuellen Debatte um die Ausrichtung der VWL in Deutschland ist es en vogue, eine verfehlte Mathematisierung der VWL zu konstatieren (dies wird in dem Aufruf nicht angesprochen). Oft wird die Ökonometrie als reine Prognosemethode angesehen, die von deterministischen Zusammenhängen ausgeht und perfekte Prognosen unterstellt. Fehleinschätzungen und eine Diskrepanz zwischen Prognosen und tatsächlicher gesamtwirtschaftlicher Entwicklung werden dann als Scheitern der angewandten Ökonometrie interpretiert, die damit als Krönung der verfehlten Mathematisierung der VWL kritisiert wird.

Ökonometrie unterstellt jedoch gerade keine festen, deterministischen Zusammenhänge und eine ökonometrische Analyse (dies gilt a forteriori für eine Prognose) ist immer einem statistischen Fehler und einem potenziellen Modellierungsfehler unterworfen. Der statistische Fehler kann jedoch ebenfalls quantifiziert und für die Überprüfung von theoretischen Überlegungen verwendet werden kann. Fehlprognosen erlauben es, Modellierungsfehler aufzudecken. Moderne angewandte Ökonometrie unterstellt Heterogenität der Akteure sowie Unsicherheit und Zeitabhängigkeit in den ökonomischen Zusammenhängen. Dies gilt insbesondere für den Zweig der Wirkungsanalyse (Evaluationsforschung) von wirtschaftspolitischen Maßnahmen. Empirische Arbeitsmarktforscher unterstellen nicht, dass eine arbeitsmarktpolitische Maßnahme in gleicher Weise für alle Arbeitslosen wirkt. Die Wirkung weist eine statistische Streuung auf und hängt von vielen sozialen Kontextfaktoren ab (der viel zitierte Faktor Mensch), die auf ersten Blick nicht in den Bereich der ökonomischen Analyse fallen (bspw. soziologische oder psychologische Aspekte).

Nimmt man das Anliegen des Aufrufs ernst, dass es um die Realitätsnähe der Analyse und um die Vermittlung von praxisrelevanten Kompetenzen von angehenden Volkswirten in der Politikberatung geht, dann müsste es sich um einen Aufruf für die Stärkung der Ausbildung in empirischer Wirtschaftsforschung und angewandter Ökonometrie handeln, „denn die Ergebnisse der wirtschaftspolitischen Analyse sind häufig kontrovers und – da sie empirischer Natur sind – nie mit letzter Gewissheit beweisbar“ (Zitat aus dem Aufruf).

Ein Plädoyer für empirische Wirtschaftsforschung, für die in Deutschland seit langem Nachholbedarf im Vergleich zur internationalen Forschung besteht, ist jedoch in dem Aufruf nicht herauszulesen – im Gegenteil. Die traditionelle Ausbildung in der „Lehre von der Wirtschaftspolitik“ in Deutschland ist nur wenig empirisch und selten auf konkrete praktische Probleme der Wirtschaftspolitik ausgerichtet. Die wirtschaftspolitische Beratung beruht häufig auf sehr grundsätzlichen Überlegungen, ohne dass diese empirisch für die konkrete Fragestellung operationalisiert oder getestet wurden. Diese Richtung in Forschung und Lehre wird der in den letzten Jahren stark zunehmenden Bedeutung einer fundierten empirischen Analyse in der VWL gerade in den angelsächsischen Ländern nicht gerecht.

Die Entwicklung in den angelsächsischen Ländern spiegelt sich in einer Verschiebung in den Publikationen in den führenden Fachzeitschriften hin zu angewandten, empirischen Arbeiten wider. Notabene, die angewandte Forschung in diesen Zeitschriften verwendet häufig mathematisch einfache Methoden in sehr intelligenter Form. Komplizierte Mathematik ist in führenden Fachzeitschriften häufig nicht mehr angesagt, wohl aber aussagekräftige Mikrodaten und eine intelligente Analyseidee, die es erlauben, tatsächliche, für die Wirtschaftspolitik relevante empirische Wirkungszusammenhänge zu überprüfen und zu operationalisieren. Das Konzept der „natürlichen Experimente“ hat die Standards für valide, belastbare empirische Forschungsergebnisse zu Recht deutlich nach oben verschoben.

Dieses Konzept unterstellt, dass ein empirisch gemessener Wirkungszusammenhang nur dann als kausal interpretiert werden kann, wenn eine exogene Variation in der Ursache zur Identifikation des Wirkungszusammenhangs gefunden werden kann. Das Konzept ist zentral für die praktische Politikanalyse, da es verhindert, dass naive empirische Analysen solche Wirkungszusammenhänge postulieren, die nicht kausaler Natur sind. Dies ist eine der Ursachen für das Scheitern der makroökonometrischen Großmodelle in vergangenen Jahrzehnten, die sehr stark die empirische Wirtschaftsforschung diskreditiert hatten.

Es ist festzuhalten, dass die arbeitsökonomische Forschung in Deutschland eine Vorreiterrolle in der angewandten Ökonometrie mit hoher Relevanz für die Wirtschaftspolitik spielt. Die Wirkungsanalyse der Arbeitsmarktpolitik, die Evaluation der Wirkungen der Hartz-Reformen, die empirischen Untersuchungen zur zunehmenden Lohnungleichheit und deren Determinanten, die Forschung zur Wirkung von Mindestlöhnen und viele ähnliche Forschungsarbeiten zeichnen sich durch hohe Forschungs- und Politikrelevanz aus. Diese Forschung spielt in der wirtschaftspolitischen Beratung eine große Rolle. Gute Forschung in diesem Bereich ist theoretisch fundiert, empirisch ergebnisoffen und trägt interdisziplinären Aspekten Rechnung. Ein Ausschnitt dieser Forschung findet sich im DFG-Forschungsschwerpunktprogramm „Flexibilisierungspotenziale bei heterogenen Arbeitsmärkten“ (www.zew.de/dfgflex), in dem theoretisch und empirisch arbeitende Volkswirte und Betriebswirte, Ökonometriker und experimentelle Wirtschaftsforscher zusammenarbeiten.

Dem Anliegen des Aufrufs, dass die Realitätsnähe der Analysen und die wirtschaftspolitische Relevanz der Theorien ein wichtiger Teil der Ausbildung und Forschung in der VWL sein sollte, ist von meiner Seite uneingeschränkt zuzustimmen. Dies wird jedoch nicht durch den Erhalt der traditionellen Lehre der Wirtschaftspolitik in der deutschen VWL-Ausbildung erreicht. Wichtig ist in Deutschland die Stärkung der Ausbildung und Forschung in gehaltvoller angewandter Wirtschaftsforschung, zu der ein stärkerer Umfang an angewandter Ökonometrie gehört. Entwicklungen in diese Richtung finden in vielen wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereichen in Deutschland – auch im Bereich der BWL – zur Recht statt. Es ist kein Zufall, dass ein großer und wachsender Teil der bekanntesten VWL-Professoren in der Politikberatung in Deutschland in ihrer Forschung angewandte Ökonometriker sind.

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