Ökonomenstreit
Rüdiger Bachmann: "Peinliche Unkenntnis"

Die Kritik an der modernen Volkswirtschaftslehre könnte dazu führen, dass es für deutsche Ökonomie-Fakultäten noch schwieriger wird, forschungsstarke Ökonomen aus dem Ausland anzuwerbenarbeiten, fürchtet Rüdiger Bachmann, Professor an der University of Michigan. In einem Gastbeitrag für Handelsblatt.com geht er mit den deutschen Kritikern der modernen VWL hart ins Gericht. Es handele sich um einen "Rückzugskampf der Philosophen-Wirtschaftspolitiker", so Bachmann.
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Ich bin sozusagen einer der sechs Steine des Anstoßes, einer derjenigen, der den neuen Methodenstreit wenn auch unfreiwillig ins Rollen gebracht hat. Ich war einer der in die Kölner Makrogruppe Berufenen, habe den Ruf aber inzwischen abgelehnt. Um es gleich vorwegzusagen: der gegenwärtige Rückzugskampf der Philosophen-Wirtschaftspolitiker deutscher Tradition – und nur als solchen kann man den Ohr/Vaubel-Aufruf und die verschiedenen Briefe und Artikel von Willgerodt und Co. aus internationaler Perspektive deuten – war kein wirklicher Grund für mich, eine Professur in Deutschland abzulehnen (was hauptsächlich familiäre Gründe hatte), aber attraktiv hat es den Forschungsstandort Deutschland sicherlich auch nicht gemacht.

Da mich die Vehemenz dieses Streits und die gute Vernetztheit der Wirtschaftspolitiker doch einigermaßen überrascht hat, bin ich bald selbst in die Diskussion eingestiegen mit eigenen Beiträgen und einer ausführlichen Dokumentation des neuen Methodenstreites auf meiner Homepage. Die Reaktion der Kollegen im Ausland nach Lektüre der verschiedenen Dokumente dort war zweigeteilt: die eine (wahrscheinlich weitaus größere) Gruppe hat Deutschland als Forschungsstandort abgeschrieben. Ohr, Vaubel, Willgerodt und Watrin sind für diese Gruppe Namen, die sie noch nie gehört haben, ihre Beiträge einfach irrelevant. Diese Gruppe ist für die deutsche VWL wohl für immer verloren, sie halten mein Kümmern um die Belange daheim für schlichte Zeitverschwendung.

Die andere, kleinere Gruppe war einfach schockiert, daß diese rein deutsche Diskussion noch existiert und noch Aufmerksamkeit erfährt (zum Beispiel durch eine der renommiersten deutschen Tageszeitungen). Denen hat man eine Rückkehr sicherlich nicht schmackhafter gemacht. Die deutsche VWL, die deutschen Wissenschaftspolitiker und die deutschen Forschungsgremien stehen vor einem Scheideweg: internationale Vernetzung und Sichtbarkeit der deutschen Wirtschaftswissenschaften oder doktrinäres Provinzlertum. Deutsche Ökonomen sind gerne gesehen im Ausland (nicht nur in den USA) – der brain drain würde sich bei der zweiten Option beschleunigen.

Was den Aufruf von Ohr/Vaubel inhaltlich angeht, so demonstriert er eigentlich nur peinliche Unkenntnis der internationalen Verhältnisse. Es ist schon klar, daß die traditionelle deutsche VWL-Fakultät in Theorie und Politik aufgeteilt war. Da war in der Tat Theorie oft reine Theorie, und gegen die schießen die beiden ja. Nur, auch diese Einteilung ist inzwischen genauso veraltet wie die deutsche Wirtschaftspolitik selbst.

Reine Theoretiker, reine Wirtschaftslogiker umfassen etwa an einem amerikanischen Spitzendepartment höchstens 5 bis 10 Prozent der Professuren, alle anderen sind mehr oder weniger angewandt, empirisch und politikorientiert – das aber eben quantitativ und mit Modellen: Macro, Labor, Public Finance, Development, Industrial Organization, History, Trade, etc. Der Gegensatz, der von Ohr/Vaubel zwischen Politiknähe und Angewandtheit einerseits und quantitativer Wirtschaftsforschung aufgemacht wird, ist einfach keiner. Wie Olaf Storbeck unlängst im Handelsblatt kommentierte: da haben einige deutsche, vom Steuerzahler finanzierte VWL-Professoren schon 20 Jahre lange keine internationale Spitzenzeitschrift mehr gelesen.

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