Ökonomie
Das große Rätsel Ehrlichkeit

Menschen betrügen viel seltener, als sie eigentlich könnten, haben Ökonomen festgestellt. Entscheidend für ihr Verhalten ist dabei ihr soziales Umfeld. Mit ihren traditionellen Theorien können Wirtschaftswissenschaftler das Verhalten nicht erklären.
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MÜNCHEN. Urs Fischbacher macht es Betrügern absichtlich einfach: In einem Experiment lässt der Leiter des Thurgauer Wirtschaftsinstituts würfeln, die Ergebnisse können die Versuchspersonen selbst aufschreiben. Je höher die Augenzahl, desto mehr Geld bekommen die Probanden. Für eine Eins zahlt Fischbacher einen Schweizer Franken, für eine Fünf gibt es fünf Franken. Nur bei einer Sechs geht man leer aus. Ob die angegebenen Ergebnisse stimmen, überprüft Fischbacher nicht - und die Probanden wissen das.

Jeder könnte einfach behaupten, eine Fünf geworfen zu haben, und würde den größtmöglichen Gewinn mit nach Hause nehmen. Tatsächlich aber gibt nur jeder Dritte an, so viel Glück gehabt zu haben. Offenbar sind viele Menschen von sich aus ehrlich. Auch dann, wenn Betrug und Lüge gar nicht auffallen können.

Mit ihren traditionellen Annahmen über menschliches Verhalten können Wirtschaftswissenschaftler das nicht erklären. Menschliches Handeln, so die übliche Annahme des Fachs, unterliegt der Nutzenmaximierung. Wer so agiert und sicher sein kann, nicht erwischt zu werden, der hätte keine Hemmungen, beschädigte Ware anzubieten, seinen Kunden zu täuschen oder seinen Geschäftspartner zu betrügen. In der Realität jedoch, das haben verhaltensorientierte Ökonomen seit Mitte der 90er-Jahre festgestellt, agieren viele Menschen ganz anders.

Die Erforschung der Ehrlichkeit ist für Ökonomen ein vergleichsweise neues Thema. Sozialpsychologen beschäftigen sich damit zwar schon seit den 70er-Jahren, Wirtschaftswissenschaftler jedoch haben es erst zwei Jahrzehnte später entdeckt. Anfangs ging es vor allem um "harte" Themen wie Steuerhinterziehung. Heute versuchen Ökonomen, Ehrlichkeit in allen Lebenslagen zu ergründen. Offene Fragen gibt es genug. Warum zum Beispiel laden Kinobegeisterte illegal neue Filme aus dem Netz herunter, zahlen aber jeden Monat ihre Gebühren für die öffentlich-rechtlichen Sender?

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