Ökonomie
Das Problem der Schere zwischen Arm und Reich

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Die Gründe für diese Entwicklung sind vielschichtig und unter Ökonomen umstritten (siehe: „Ursachenforschung“). Insgesamt stellen die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte die These, dass steigender Wohlstand der Reichen früher oder später auch in die unteren Gesellschaftsschichten durchsickert, nachhaltig infrage.

Auch empirische Studien melden erhebliche Zweifel an. So untersuchte ein Forscherteam um Dan Andrews von der Harvard University den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Wachstum am Beispiel von zwölf Industriestaaten und für die Jahre von 1905 bis 2000. „Wir finden keine systematische Beziehung zwischen dem Einkommensanteil der Topverdiener und dem Wirtschaftswachstum“, lautet das Fazit.

Gleichzeitig mehren sich Indizien, dass eine zu große Einkommensungleichheit in einer Gesellschaft mit erheblichen sozialen und ökonomischen Nachteilen verbunden ist. „Wenn sich die Einkommensverteilung zu stark auseinander entwickelt, dann ist der soziale Zusammenhalt gefährdet“, betont der Mannheimer Ökonom Grüner.

Die britischen Epidemiologen Richard Wilkinson und Kate Pickett argumentieren in ihrem 2009 erschienenen Buch „The Spirit Level“, dass quasi alle sozialen und gesellschaftlichen Übel in einem engen Zusammenhang mit der Einkommensverteilung in einem Land stünden. So seien Kriminalität und Drogenkonsum in einem Land umso höher, je größer die Kluft zwischen Arm und Reich sei.

Möglicherweise war die enorme Einkommensungleichheit in den USA auch ein Grund für die Finanz- und Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre. Diese These vertritt Raghuram Rajan, ehemaliger Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF) und heute Ökonomieprofessor in Chicago. „Es gab einem enormen politischen Druck, etwas dagegen zu tun“, argumentiert Rajan. Die traditionellen Instrumente der Wirtschaftspolitik – höhere Steuern für Gutverdiener und direkte Transfers an die ärmeren Schichten – seien jedoch seit den 80er-Jahren unpopulär geworden. Daher habe die US-Wirtschaftspolitik gezielt versucht, das Problem mit billigem Geld und einfach verfügbaren Krediten zu lösen.

„Das hat lange scheinbar wunderbar funktioniert“, so Rajan. „Die Leute konnten sich mit geliehenem Geld Häuser kaufen, die im Wert stiegen und als Sicherheit für neue Kredite dienten – dieses Geld konnten sie dann in den Konsum stecken.“ Das Problem der wachsenden Ungleichheit sei so lange zugedeckt worden.

Die IWF-Volkswirte Michael Kumhof und Romain Rancièrehaben diese Argumentation mit einem theoretischen Modell untermauert. Darin zeigen sie: Steigende Einkommensungleichkeit kann dazu führen, dass ärmere Schichten versuchen, ihren Lebensstandard immer stärker über Kredite aufrechterhalten zu wollen – und dass sie sich zumindest eine Zeit lang immer leichter Geld leihen können.

Auf Dauer mache dies das Finanzsystem instabil und anfälliger für Krisen. Mehr traditionelle Sozialpolitik könne das Problem lösen, schreiben die IWF-Ökonomen. Wenn der Staat Einkommen umverteile, könne er die Wirtschaft damit womöglich stabiler machen.

Kommentare zu " Ökonomie: Das Problem der Schere zwischen Arm und Reich"

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  • Wir haben uns in Deutschland seit der Ära Ludwig Erhard von einer breitgeschichteten Massenkaufkraft immer weiter entfernt. Und wir entfernen uns noch immer davon.

    Wer heutzutage meint, zur Mittelschicht oder gar Oberschicht zu gehören, weil er ein (angeblich) durchschnittliches beziehungsweise überdurchschnittliches Einkommen hat, ist in Wirklichkeit Mitglied einer “kaufkraftbefreiten” Unterschicht. Nur wenige gehören heute wirklich noch zur Mittel- beziehungsweise Oberschicht.

    Den Politikern mögen die falschen Informationen über die Mittelschicht und deren Einkommen recht sein, denn dies sorgt für künstliche Zufriedenheit in der Bevölkerung und sichert die eigene Wiederwahl. Aus wirtschaftspolitischer Sicht sind sowohl die Einkommensstatistiken als auch die Einkommensentwicklungen der breiten Bevölkerung eine Katastrophe. Wohlstand für alle ist längst wieder Geschichte und die Konjunktur steht weiter vor dem Absturz. Möglicherweise steht uns deshalb auch wieder eine politische Katastrophe bevor.

    http://www.kiwifo.de/html/breitgeschichtete_massenkaufkr.htm

  • island: "Wobei es Volkswirtschaftlich sehr sinnvoll ist wenn man in branchen aktiv wird die keinen Einheimischen Anbieter besitzen. (Mineralölindustrie, Gaswirtschaft, Computerindustrie, Softwareindustrie etc.) "

    Riesenunfug!!! Sie haben jedenfalls nicht VWL studiert.

    in der Theorie spricht die komparative Faktoraufteilung stark dagegen! Spezialisierungs- und Lerneffekte ebenfalls. Ebenso wie die lukrative Möglichkeit, im Ausland günstigere Preise anbieten zu können. Alles, aber auch wirklich alles spricht dagegen.

    in der Empirie beobachtet man ebenfalls ein massives Scheitern solcher Maßnahmen (Computer/Elektronikbranche brasilien, Flugzeugbau Russland, Autobau China, etc.). Alles große Verlustgeschäfte.
    Und wo zum Teufel soll Deutschland Öl herkriegen?

    Sie sind Jurist oder Politikwissenschaftler oder sowas stimmts?

  • ich bin kein Ökonom, aber der Zusammenhang ist mir schon früh aufgefallen. in den ersten Jahrhunderten nach der Entdeckung Amerikas galt der reiche Süden als der „gute“ und wohlhabende Teil des Kontinents. Dort standen wenige sehr reiche Kapitaleigner und Großgrundbesitzer einer Vielzahl von Habenichtsen gegenüber. Aber es war der damals „bettelarme“ Norden, mit der heutigen USA und Canada, der sich aufgrund der dort herrschenden größeren Gleichheit wirtschaftlich dynamischer entwickelte. Auch den wirtschaftlichen Rückstand Russland kann man (unter anderem) unter diesem blickwinkel sehen. Die ehemals kommunistischen baltischen Staaten, Polen, Slowakei, Tschechien etc. scheinen auf dem besseren Weg zu sein, als das an Rohstoffen doch so viel reichere ehemalige Zarenreich, mit seiner hauchdünnen Oberschicht.

    Das große Kapital mag für einige wirtschaftliche Unternehmungen erforderlich sein. Doch tendenziell entzieht es sich der besteuerung (d.h. einer Finanzierung der infrastruktur derjenigen Gesellschaften, auf deren boden es wächst), begünstigt die bildung monopolistischer Strukturen, die den kreativen, wachstums- und fortschrittsfördernden Wettbewerb behindern, und erschwert die optimale „Ressourcenallokation der Humankapitals“. Die nämlich ist der eigentliche Kern der Marktwirtschaft!!! Finanzkapital mag schlecht verteilt sein, doch es ist durchaus kein knappes Gut. Ja im Gegenteil, die Geldschwemme ist eine ungeheure Gefahr für die Weltwirtschaft. Was fehlt sind die sinnvollen investitionsmöglichkeiten für die großen Privatvermögen. Deren Eigner tun sich aus mancherlei Gründen schwer mit der volkswirtschaftlich und gesellschaftlich sinnvollen Finanzallokation.

    Nicht etwa das große Kapital der, vor 30 Jahren als kommender, allmächtiger iT-Supermacht gefürchteten, ibM hat das Rennen gemacht, sondern das kleine, aber vorhandene (!) Kapital, kreativer Neugründungen: Unternehmen wie Apple, Microsoft, Google und Facebook haben die Maßstäbe gesetzt. Deutschland profitiert in der Wirtschaftskrise weniger von den großen Playern, sondern gerade von seiner mittelständischen Struktur. Eine vitale Wirtschaft muss ständig von unten her nachwachsen. Genau hier muss angesetzt werden. Die Großen zu päppeln und zu pampern, wie es leider aktuelle Politik zu sein scheint, ist nicht nur moralisch, sondern auch ökonomisch gesehen, der falsche Weg. Große Vermögen, akkumuliert von der Geldaristokratie bis hin zu den den Pensionsfonds, sind der Treibsatz geworden für eine ausufernde Geldschöpfung der Finanzindustrie, deren gigantische Fehlinvestitionen und ebenso unproduktiven wie gefährlichen Spekulationsgeschäfte die aktuelle Wirtschaftskrise ausgelöst haben.

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