Ökonomie
Der Strafraum als Labor für Ökonomen

Wie stark hängt der Erfolg eines Fußball-Teams von einzelnen Superstars ab? Bevorzugen Schiedsrichter systematisch die Heimmannschaften? Verschießen Fußball-Profis in kritischen Spielsituationen häufiger Elfmeter? Welche Folgen hatte die Einführung der Drei-Punkte-Regel? Und wie wichtig ist der Trainer für die Leistung einer Fußball-Mannschaft?

Fragen wie diese bewegen nicht nur Fußball-Fans – zunehmend beschäftigten sich auch Wirtschaftswissenschaftler mit ihnen. Seit einigen Jahren sezieren Ökonomen systematisch die wichtigste Nebensache der Welt. Vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 erlebt das Thema eine besondere Hochkonjunktur. Die Uni Mannheim veranstaltet Ende dieser Woche eigens ein wissenschaftlichen Symposium zur „Ökonomie und Psychologie des Fußballs“ – Wissenschaftler diskutieren dort 20 aktuelle Arbeiten zu dem Thema.

Tatsächlich eignet sich dieser Mannschaftssport so gut wie kaum etwas anderes für die Analyse bestimmter ökonomischer Phänomene. „Profi-Fußballteams sind ein gutes Beispiel für eine wirtschaftliche Organisation, die regelmäßig stark standardisierte Aufgaben zu erfüllen hat“, schreibt ein dreiköpfiges Forscher-Team um Aldo Rustichini, Ökonomie-Professor an der University of Minnesota. „Das Verhalten der Spieler kann Einblicke liefern, wie eine solche Organisation funktioniert und welche Rolle strategische und emotionale Faktoren dabei spielen.“

Gegenüber dem wirklichen Leben hat Fußball dabei mehrere Vorteile: So ist das Spiel wesentlich weniger komplex, und nach 90 Minuten hat man stets ein eindeutiges Ergebnis. Wenn sich die Anreizstrukturen ändern, kann lassen sich Ursache und Wirkung vergleichsweise klar zuordnen – die Regeln sind für alle Spieler gleich, und die Partien finden in einer kontrollierten Umgebung statt. „Das sind fast Bedingungen wie in einem Labor“, sagt der Züricher Ökonomie-Professor Bruno Frey. Hinzu kommt: Jedes Jahr finden in den europäischen Profi-Ligen hunderte Spiele statt. Daher gibt es für Ökonomen eine große und relativ leicht zugängliche Datenbasis. „Jedes Zuspiel, jedes Foul und jeder Torschuss der Spieler wird inzwischen aufgezeichnet“, erläutert Frey.

Besonders gut lassen sich auf dem Platz die Wirkungen von Anreizen studieren. So weist ein Forscherteam um Frey zum Beispiel nach: Zu große Einkommensunterschiede innerhalb einer Mannschaft sind kontraproduktiv. „Je größer die Einkommensunterschiede innerhalb einer Mannschaft sind, desto schlechter ist die Leistung des Teams“, lautet das Fazit der im April veröffentlichten Studie. Bei Top-Mannschaften schlage dieser Effekt besonders stark zu Buche. Top-Gehälter für einzelne Superstars spornen die anderen Spieler nicht etwa an, sondern demotivieren sie, lautet die Interpretation der Ökonomen. Damit bestätige sich die These, dass für Menschen nicht nur die absolute Höhe ihres Einkommens wichtig sei, sondern auch ihre relative Position im Vergleich zu anderen. Das Ergebnis sei auch außerhalb des Fußballplatzes relevant – überall dort, wo die Bezahlung von Mitarbeitern direkt an ihre Performance gekoppelt ist, zum Beispiel bei Versicherungsagenten oder Finanzberatern. Versuche, in solchen Vertriebsteams durch interne Leistungsrankings die einzelnen Mitglieder zu höherer Leistung zu motivieren, könnten nach hinten losgehen, warnen die Ökonomen.

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