Ökonomie des Krieges
Der Billionen-Dollar-Krieg

Zu viel, zu teuer, kontraproduktiv – Wirtschaftswissenschaftler kritisieren die US-Verteidigungspolitik.

HB BOSTON. Moderne Wirtschaftswissenschaftler lesen zu wenig Heraklit. „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“, erkannte schon der griechische Philosoph. In der ökonomischen Forschung aber spielt die Analyse militärischer Konflikte bisher nur eine Nebenrolle. „Dass so wenig über die Ökonomie des Krieges geschrieben wird, ist wirklich seltsam“, sagt William Nordhaus, Ökonomieprofessor an der US-Eliteuni Yale.

In den USA beginnt sich dies allmählich zu ändern. Schließlich hat der Kampf gegen den Terror gewaltige Dimensionen erreicht. „Insgesamt geben die USA für militärische Operationen im Irak und in Afghanistan wahrscheinlich mehr aus als für den Vietnam-Krieg oder den Korea-Krieg“, sagt Steven Kosiak von der Denkfabrik Center for Strategic and Budgetary Assessments.

Die American Economic Association hatte dem Thema im Januar auf ihrer Jahrestagung in Boston einen Workshop gewidmet. Dort ließen namhafte Ökonomen kein gutes Haar an der Sicherheitspolitik der USA. Das Land gebe viel zu viel für das Militär aus, der Irak-Krieg koste weit mehr, als die Regierung zugibt, und habe der US-Wirtschaft makroökonomisch massiv geschadet, kritisierten sie. „Ohne den Krieg hätten die USA eine bessere Konjunktur, höhere Aktienkurse und einen besseren Arbeitsmarkt“, sagt Allen Sinai, Chefökonom von Decision Economics. Er hat simuliert, wie sich die US-Wirtschaft ohne Krieg entwickelt hätte.

Insgesamt stecken die USA nach Ansicht des Yale-Ökonomen Nordhaus viel zu viel Geld in ihre Militärmaschine. Die jährlichen Ausgaben von 590 Mrd. Dollar für nationale Sicherheit würfen keinen zufrieden stellenden Ertrag ab. Amerika gebe so viel Geld für sein Militär aus wie alle anderen Staaten zusammen – möglicherweise eine sinnvolle Investition, wenn die USA so vielen Sicherheitsbedrohungen ausgesetzt wären wie der Rest der Welt zusammen. Doch das wäre nur dann zutreffend, wenn alle anderen Länder systematisch ihre Sicherheit vernachlässigten. Dies sei nicht plausibel. Deshalb folgert Nordhaus: „Die USA haben ein deutlich übertriebenes Bedrohungsgefühl.“ Das Argument, durch den globalen Terrorismus habe sich die Bedrohung verschoben, lässt er nicht gelten: Im Verteidigungsbudget habe es kaum Umschichtungen gegeben. Überflüssige Projekte aus dem Kalten Krieg liefen weiter.

Die übermäßigen Militärausgaben könnten sogar die Sicherheit der USA verringern, warnt der Ökonom. Denn ein militärisches Potenzial, das weit größer sei als zur Selbstverteidigung nötig, bringe Politiker in Versuchung, es auch einzusetzen. „Länder ohne exzessive Militärkapazitäten können keine Wunschkriege führen“, so Nordhaus. „In dem Ausmaß, in dem sich Vietnam und Irak als strategische Fehler erweisen, gehört die Möglichkeit, solche Kriege führen zu können, zu den Kosten eines zu großen Verteidigungsbudgets.“

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