Ökonomie
Die große Leere in der Krise

Selten war das Interesse der Studenten an volkswirtschaftlichen Fragen so groß wie jetzt. Doch viele Hochschullehrer müssen ihnen die Antworten schuldig bleiben. Denn die reale Wirtschaftskrise passt nicht zu den Theorien aus den Leerbüchern. Eine Chance für die Wissenschaft?
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HARVARD. Der Ökonomie-Professor ist frustriert. "Wenn ich mir die Politik der amerikanischen Notenbank anschaue, kann ich meine Vorlesung über Geldpolitik in die Tonne kloppen", schimpft er. Ein Kollege pflichtet ihm bei: "Und wenn sich die Lage in einem Jahr noch nicht stabilisiert hat, können wir abermals von vorne anfangen!"

Der Dialog, geführt am Rande einer Konferenz in Harvard, zeigt: Bei vielen Hochschullehrern der Ökonomie ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt angelangt. Die Wirklichkeit dieser Finanz- und Wirtschaftskrise lässt sich mit dem Wissen aus den Lehrbüchern immer weniger vereinbaren.

Viele für unumstößlich gehaltene neoklassische Glaubenssätze wie der von den effizienten Finanzmärkten sind plötzlich höchst angreifbar. Studenten stellen Fragen, auf die Professoren keine Antworten wissen. Und von allen Seiten wird die Zunft angegriffen, weil sie die Rezession nicht vorausgesagt hat. Erst kürzlich titelte das US-Magazin "Business-Week": "Sind Ökonomen überhaupt zu etwas gut?"

Für die Lehre an den Hochschulen ist die Krise allerdings auch eine Chance, sich inhaltlich wie pädagogisch zu erneuern. Eine offene Diskussion über Schwachstellen sei überfällig, meinen viele Ökonomen. Zu lange sei in den Hörsälen die Erkenntnis vernachlässigt worden, dass praktische Wirtschaft vielfältiger und weniger schematisch ist, als es die Lehrbücher verkünden. Weil die jungen Leute verstehen wollen, was in dieser Krise genau passiert, verabschieden sich engagierte Professoren von reinen Lehrbuchinhalten und beziehen Tagesereignisse und die neuesten Forschungsergebnisse in die Stoffvermittlung ein.

Im Mutterland der Krise, in den USA, diskutieren die Hochschullehrer schon länger. Der Harvard-Starökonom Greg Mankiw, der sich auch als Autor von Unterrichtsliteratur einen Namen gemacht hat, lud kürzlich 40 Kollegen aus den gesamten USA zum Gedankenaustausch. Das Thema: "Wie man Ökonomie in der Wirtschaftskrise unterrichtet". Das Programm vereinte klug die Bausteine Theorie - Praxis - Anwendung: Mankiw sprach über neue theoretische Überlegungen, hochkarätige Praktiker plauderten von der Krisenfront, erfahrene Professoren stellten neue pädagogische Methoden vor.

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