Ökonomie-Experimente
Schönheitswettbewerbe im Hörsaal

Immer mehr Ökonomie-Professoren setzen Experimente in ihren Lehrveranstaltungen ein – zur Freude der Studenten. Auch manch Dozent hätte sich in seinem Studium mehr Interaktion in den Vorlesungen gewünscht. Doch auch für die Lehrenden und ihre Forschung hat der verstärkt experimentelle Charakter Auswirkungen.
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MÜNCHEN. Dass er einmal bei einem Schönheitswettbewerb gewinnen würde, hätte Dominik Matzat wohl nicht gedacht. Doch der 25-jährige Ökonomie-Doktorand konnte eine Runde beim „Beauty-Contest-Game“ für sich entscheiden. Konzentriert blickt Matzat jetzt in die Gesichter seiner Konkurrenten und versucht, deren nächste Schritte vorherzusagen.

Dominik Matzat steht nicht auf einem schmalen Laufsteg in New York. Er sitzt in seinem Graduiertenkurs über experimentelle Wirtschaftsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der Schönheitswettbewerb ist ein Rollenspiel, um interaktives Denken in Mehrrundenspielen zu erklären.

Um zu gewinnen, muss Matzat keine Jury überzeugen, sondern möglichst genau vorhersagen, wie sich seine Kommilitonen verhalten werden: In vier Runden wählt jeder der neun Studenten eine Zahl zwischen null und 100. Gewonnen hat, wessen Zahl zwei Drittel des Durchschnittswerts aller abgegebenen Antworten am nächsten kommt.

Immer mehr Ökonomie-Professoren setzen Experimente wie das „Beauty-Contest-Game“ in ihren Lehrveranstaltungen ein – in Grundlagenvorlesungen genauso wie in Übungen und Seminaren. „Es gibt einen klaren Trend zu mehr Experimenten in den Hörsälen“, sagt Bernd Irlenbusch von der London School of Economics, „weltweit genauso wie in Deutschland.“

Der Innsbrucker Ökonom Matthias Sutter schätzt, dass die Bereitschaft, Rollenspiele in Lehrveranstaltungen einzusetzen, in Zukunft noch weiter zunehmen wird. Zur Freude der Zuhörer. „Unsere Studenten können praktisch am eigenen Leib erfahren, wie wirtschaftliche Prozesse funktionieren.“ Den „Beauty Contest“ zum Beispiel hatte der englische Ökonom John Maynard Keynes in seinem Buch „The General Theory of Employment, Interest and Money“ 1936 zum ersten Mal beschrieben. Heute ist er Standardinstrument, um Theorien des „Steplevel-Thinking“, dem interaktiven Denken zum Beispiel in Finanzmärkten, zu erklären.

Gewinnspiele englischer Zeitungen hatten Keynes in den 20er-Jahren auf das Phänomen aufmerksam gemacht: Damals waren in der Presse Gewinnspiele verbreitet, bei denen die Leser aus einer Reihe von Bildern die schönste Frau auswählen mussten.

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