Ökonomie in der Krise
Die größten Irrtümer der Volkswirtschaftslehre

Die Finanzkrise hat viele alte Glaubenssätze der Volkswirtschaftslehre weggespült. Klare Alternativen sind jedoch noch nicht absehbar. Immerhin sind sich die Ökonomen mehr und mehr darüber einig, wo sie falsch lagen.
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Berlin/DüsseldorfDer Todeszeitpunkt des alten Paradigmas der Volkswirtschaftslehre lässt sich ziemlich genau beziffern. Am 15. September 2008 spülte eine riesige Welle die alten Glaubensgrundsätze der Ökonomen auf einen Schlag hinweg. Es war der Tag, an dem die US-Investmentbank Lehman Brothers Pleite ging - und die Finanzmärkte in den Abgrund schickte.

Seit diesem Tag ist es schwer geworden, von effizienten Finanzmärkten zu sprechen - ohne rot zu werden. Bis zur Finanzkrise gab es viele makroökonomische Modelle, in denen der Finanzsektor - und damit die Keimzelle der Krise - noch nicht einmal vorkam. Das zumindest ändert sich nun.

Dennoch hat die Volkswirtschaftslehre fast vier Jahre nach der Lehman-Pleite noch keine Alternativen zur alten Theorie gefunden. Das zeigte die Jahrestagung des "Institute for New Economic Thinking" vergangene Woche in Berlin. Unter dem Motto "Lost Paradigm" diskutierten 300 führende Forscher, Notenbanker und Politiker über den Stand der Wirtschaftswissenschaft. Der Hedge-Fonds Manager George Soros hatte das "Institute for New Economic Thinking" als Reaktion auf die Finanzkrise gegründet.

Funktionierende Alternativen zu den alten Modellen stecken bislang in den Kinderschuhen - es gibt weit mehr offene Fragen als überzeugende Antworten. "Viele neue Erkenntnisse sind zudem in einer Vielzahl theoretischer und empirischer Arbeiten zu Einzelproblemen verstreut", sagt der künftige ZEW-Chef Clemens Fuest. "Was noch fehlt, ist der Transfer dieser Erkenntnisse in konsistente wirtschaftspolitische Konzepte."

Bemerkenswert ist zudem: Vieles, was in Berlin an neuem Denken präsentiert wurde, nahm ausdrücklich Bezug auf verdrängte oder in Vergessenheit geratene Denker wie Joseph Schumpeter, Hyman Minsky und Irving Fischer. Mehrere Teilnehmer scherzten daher, man solle das Institut umbenennen - in "Institut zum Lesen alter ökonomischer Bücher".

Ein neues Paradigma in der Volkswirtschaftslehre ist bisher nicht erkennbar. Dafür herrscht zumindest bei der Analyse der Schwachstellen der alten Ideen zunehmend Konsens.

Kommentare zu " Ökonomie in der Krise: Die größten Irrtümer der Volkswirtschaftslehre"

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  • es gibt aber Ausnahmen von der öden Lehre der "Pseudoökonomuie." Und zwar auf www.fortunanetz, insb. polit-ökonomische Betrachtungsweisen

  • @Anonymer Benutzer: Volkswirtin

    Da muss ich Ihnen zustimmen, ich hätte fast etwas ähnliches geschrieben. Allerdings finden sich in fast jeder Handelsblattausgabe Artikel, die v.a. bei Wirtschaftsthemen eher auf eine auf Unkenntnisse beruhende Meinung eines Journalisten beruhen als auf einem vernünftigen Research oder Fachwissen. Diese Artikel erwecken eher den Eindruck nach mal schnell in die Zeitung gerülpst als nach guter journalistischer Arbeit.

    Daher musste ich auch sehr laut lachen als ich das erste Mal darüber gelesen habe, dass Verlage (auch HB) an den Google Umsätzen beteiligt werden wollen, für ihre "hochwertige journalistische Arbeit" und sich im gleichen Atemzug gegen die Möglichkeiten der freien Meinungsäußerung im Internet (s. HB Ausgabe dieser Woche) aussprechen, weil diese ja grundsätzlich so schlecht und unqualifiziert sei.

    Sehr schlimm finde ich auch, dass nunmehr jeder Hans, welcher sich zu Wirtschaftsthemen äußert, als Ökonom bezeichnet wird. Selbst Journalisten, welche (wenn überhaupt) mal im Nebenfach eine wirtschaftliche Vorlesung besucht haben, schreiben in ihrer Signatur "Ökonom".

  • Ich kann mich der Meinung nur anschließen. Bereits in den 80er Jahren während meines Studiums gab es Vorlesungen zur eingeschränkten Rationalität. Auch Themen wie altruisitsches Verhalten haben wir bereits in den 80ern in Wachstumsmodellen modelliert.
    Das Modell perfekter Märkte und vollständig informierter Individuen war für mich immer nur ein Referenzmodell, sozusagen das, was Naturwissenschaftler ein Modell unter Idealbedingungen bezeichnen. Ausgehend davon startet die Analyse der realen Bedingungen.

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