Ökonomie neu denken
Vom Kopf auf die Füße gestellt

Die Krise der Wirtschaft ist auch eine Krise der Wirtschaftswissenschaft. Die klassischen Modelle passen nicht zur Realität. Doch die Disziplin steht nicht still. Im Gegenteil. Junge Ökonomen revolutionieren das Fach.
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Hinter diesen Mauern hat sie begonnen. Eine intellektuelle Revolution, die eine gesamte wissenschaftliche Disziplin umkrempeln, das Denken und Handeln von Generationen von Forschern und Politikern prägen sollte. 46 Gordon Square in London. Eine Adresse im Intellektuellen-Viertel Bloomsbury. Ein dreigeschossiges Stadthaus, um 1820 aus braun-gelben Backsteinen gebaut. „John Maynard Keynes, Economist“, steht auf einer Plakette rechts neben der Eingangstür.

Dreißig Jahre hat er hier gewohnt, von 1916 bis zu seinem Tod 1946. Hier hat Keynes die Volkswirtschaftslehre gerettet und den Kapitalismus modernisiert. Wichtige Teile der „Allgemeinen Theorie“ hat er hier geschrieben. Das Buch war die Antwort auf die Weltwirtschaftskrise, und auch die Antwort auf die Selbstzweifel der Ökonomen.

Galten bis dahin die Lehrsätze von Adam Smith über die Selbstregulierungsfähigkeiten des Marktes, verschaffte Keynes nun dem Staat einen großen Auftritt. Später sollten Keynes' Ideen zwar überinterpretiert werden. Dennoch leitete der Brite einen wissenschaftlichen Paradigmenwechsel ein.

Heute, 77 Jahre später, erleben wir Ähnliches. Die Amerikaner sprechen erneut von der „great recession“. Abermals haben die führenden Ökonomen die Probleme nicht kommen sehen, haben bis zum Ausbruch der Krise Finanzsystem und Realwirtschaft für so stabil wie nie zuvor gehalten. Die Wirtschaftskrise ist so wie damals auch eine Krise der Wirtschaftswissenschaft.

Die Modelle und Theorien des Mainstreams haben die Probleme nicht vorhergesehen und können sie zuweilen nicht mal ansatzweise erklären. Nur, ein neuer Keynes scheint nicht in Sicht. Zumindest auf den ersten Blick. Denn die Zeiten, in denen ein Einzelner die Wirtschaftslehre mit einer 343-seitigen Monografie neu erfinden kann, sind Vergangenheit.

1936 genügte die Erkenntnis, dass die Gesamtwirtschaft mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile und dass sie nicht automatisch stabil ist. Der Staat jedoch könne mit aktiver Wirtschaftspolitik „die Rezession abschaffen“, ohne den Kapitalismus generell zu beerdigen. Heute sind die Probleme vielschichtiger, die Forschung arbeitsteiliger, die Methoden komplexer. Doch das bedeutet nicht, dass die Disziplin stillsteht. Im Gegenteil. Die Erneuerung ist nur nichts für einen Einzelkämpfer, sie ist eine globale Gruppenarbeit.

Kommentare zu " Ökonomie neu denken : Vom Kopf auf die Füße gestellt"

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  • Mao schrieb: Lasst 100 Blumen blühen, nicht 1000.

  • Sie schreiben: "Die Modelle und Theorien des Mainstreams haben die Probleme nicht vorhergesehen und können sie zuweilen nicht mal ansatzweise erklären." Dieser Satz ist formal richtig, da er eine Aussage über den "Mainstream" der VWL-Professoren macht.

    Die Wirklichkeit ist allerdings eine andere. Es gibt zahllose Professoren der Wirtschaftswissenschaften, die sich sehr deutlich gegen den Dilletantismus der Politiker aussprechen. Ich erinnere an den Aufruf von 155 Professoren im Jahr 1998 gegen die Einführung des Euro und den Aufruf von 172 Professoren gegen die Politik der Rettungsschirme. Namen von kritischen Professoren wie Wilhelm Hankel, Joseph Huber, Bernd Lucke, Wilhelm Nölling, Renate Ohr, Helge Peukert, Hans-Werner Sinn und Joachim Starbatty müssten in einem derartigen Artikel doch auch erwähnt werden!

    Wer sich für Videos, Bücher und Artikel dieser "kritischen Finanzdenker" interessiert, wird auf meinem Blog www.finanzdenker.de fündig, den ich gerade aufbaue.

  • Das epochale Versagen der Makroökonomen ist umso unfassbarer als da es eine lange, lange Historie von Währungs-, Banken- und Schuldenkrisen gibt. Sehr schön zusammengefasst z.B. in Rogoff et aliae "Diesmal ist alles anders". Aber praktisch keiner der C4-Versager in den Fakultäten hat irgendwas kommen sehen außer das eigene monatliche Gehalt - für das der Steuerzahler aufkommen muss; ein Angehöriger derjenigen Gruppe, die von Finanzkrisen am Härtesten betroffen sind. Ich denke es reicht. Macht die Fakultäten dicht, schmeißt dieses unnütze Pack raus und baut die Makroökonomie von Grund auf neu auf. Den jungen Nachwuchswissenschaftler kann man nur raten: Veranstaltet eure Alternativkongresse und haltet euch fern von den Alten - von denen könnt ihr nur lernen wie es nicht geht, wie man sich mathematische Modelle erspinnt, die Welten abbilden, die in keiner realen existieren und man sich verblöden lässt von Mainstream-Dogmas. Nur wer mit diesem akademischen Stuhlgang radikal bricht wird der Gesellschaft je irgendetwas Brauchbares zurückgeben können.

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