Ökonomie-Studie
Wenn Volkswirte Verbotenes tun

Sie hatten die richtige Idee zur richtigen Zeit: Vor zehn Jahren veröffentlichten verhaltensorientierte Wirtschaftsforscher eine Studie zu egoistischem und fairem Verhalten. Das Papier, dem die Forscher zunächst selber mitsstrauen, rüttelt an den Grundfesten ihrer Zunft. Die Ideen gehen bis heute um die Welt.
  • 0

DÜSSELDORF. Der Zweifel sitzt mit am Tisch, als Klaus Schmidt, Professor an der Universität München, und sein Züricher Kollege Ernst Fehr nach einer Theorie suchen, die ein Phänomen erklärt, das Volkswirte weltweit beschäftigt: Menschen verhalten sich in manchen ökonomischen Experimenten egoistisch, in anderen dagegen äußerst fair.

„Die Grundzüge unseres Modells waren schnell fertig“, erinnert sich Schmidt. „Unsere Idee war relativ simpel.“ Doch beide Forscher misstrauen zunächst ihrem eigenen Erklärungsansatz. Das Misstrauen eines der beiden Gutachter des „Quarterly Journal of Economics“ ist noch größer – er zerreißt das Papier in der Luft.

Doch vor genau zehn Jahren, im August 1999, erscheint die Forschungsarbeit von Fehr und Schmidt mit dem Titel „A Theory of Fairness, Competition, and Cooperation“ in der renommierten Fachzeitschrift. Seitdem ist sie eine der weltweit am häufigsten zitierten ökonomischen Studien.

Fehr und Schmidt haben damit ein bemerkenswertes Wettrennen gewonnen. Parallel zu ihnen entwickeln Mitte der 90er-Jahre zwei andere Ökonomen, Gary Bolton von der Pennsylvania State University und Axel Ockenfels – damals an der Universität Magdeburg und heute Professor in Köln –, ein ganz ähnliches Modell. Doch Fehr und Schmidt gelingt es einige Monate früher, ihre Forschungsergebnisse in einer wissenschaftlichen Top-Zeitschrift unterzubringen.

„Fehr und Schmidt gehörten zu den Ersten, die ein einfaches mathematisches Modell präsentierten, das Emotionen, die durch den sozialen Status des Einzelnen entstehen, mit Eigennutz kombinierte“, erklärt Colin Camerer, Professor am California Institute of Technology und einer der international führenden verhaltensorientierten Wirtschaftsforscher. „Das machte ihre Arbeit so wichtig und einflussreich.“ Selbst Wissenschaftler wie Ken Binmore vom University College in London und der in Bonn lehrende Avner Shaked, die die gesamte Forschungsrichtung scharf kritisieren, räumen ein: „Das Modell hat ikonischen Status.“

Fehr und Schmidt haben die richtige Idee zur richtigen Zeit. Verhaltensorientierte Wirtschaftsforscher beobachten Mitte der 90er-Jahre verschiedene Phänomene, die sie mit den damals gängigen ökonomischen Theorien nicht erklären können.

Diese basierten auf der Annahme, dass Menschen vollständig rational handeln, ausschließlich ihren eigenen Nutzen maximieren und sich nicht um das Wohlergehen anderer kümmern. In vielen Experimenten erweisen sich Menschen jedoch als weitaus sozialer und weniger egoistisch. Immer wieder offenbart sich der Wunsch nach Fairness, die Bereitschaft, Gewinne zu teilen, und miteinander zu kooperieren.

Seite 1:

Wenn Volkswirte Verbotenes tun

Seite 2:

Seite 3:

Kommentare zu " Ökonomie-Studie: Wenn Volkswirte Verbotenes tun"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%