Ökonomie
Wie man am Herdentrieb verdient

Was haben Isaac Newton und viele Börsenexperten gemeinsam? Keiner konnte bislang ein sicheres System entwickeln, um herauszufinden, wann an der Börse Verluste drohen. Der Ökonom Thorsten Hens hält es da mit einem anderen Naturwissenschaftler: Für ihn stellt Charles Darwin den Schlüssel zum Profit dar. Behavioural Finance nennt sich das Prinzip – und findet immer mehr Anhänger.
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MÜNCHEN. Einmal im Jahr feiert die BayernLB Warren-Buffett-Andacht. Die Landesbank, die sich als einzige Großbank hierzulande dem alternativen Investment-Ansatz des amerikanischen Multimilliardärs verschrieben hat, nennt diese Veranstaltung „Value Intelligence Conference“. Eine denkwürdige Zusammenkunft. Auf der Bühne im feinen fünften Stock der Bank sitzt eine ganze Reihe von Typen, die aussehen wie das, was man einst Freak nannte. Es sind allesamt hochdekorierte Professoren, legerer angezogen als die Investmentbanker in den Reihen vor ihnen. Und, wie Warren Buffett, denken sie auch etwas gegen den Strom.

Thorsten Hens gehört zu dieser Sorte. Er trägt die braunen, lockigen Haare gerne lang, die Brille ist noch sehr studentisch. Hens ist 45 Jahre alt, sieht etwa zehn Jahre jünger aus und ist einer der profiliertesten deutschen Ökonomen. Nur dass er an der Universität Zürich lehrt, als Professor am Institut für schweizerisches Bankenwesen.

Hens ist Experte für Behavioural Finance. Das ist der Versuch, eine Antwort auf die Frage zu geben, warum die Finanzmärkte noch immer nicht effizient sind, warum sie trotz immer größerer Informationsdichte und angeblich immer besseren Know-hows fortwährend Anomalien und Fehlinvestitionen produzieren. Weil Hens glaubt, darauf eine Antwort gefunden zu haben, hat er mit Gleichgesinnten vor wenigen Monaten eine Firma gegründet und ihr den Namen Behavioural Finance Solutions gegeben. Mehrere Großbanken, darunter die Credit Suisse, die Deutsche Bank und die UBS, setzen die Erkenntnisse von Hens seither für die Beratung ihrer vermögenden Kundschaft ein.

So hat die Deutsche Bank zusammen mit dem Züricher Professor einen Fragenkatalog entwickelt, mit dem die Berater des Private Wealth Managements ein exaktes und vor allem individuelles Risikoprofil ihrer Kundschaft erstellen. „Hens’ pfiffiger Ansatz hat uns überzeugt“, sagt Karsten Grimm vom Wealth Management Deutschland der Deutschen Bank. Inzwischen setzt die Bank dieses Werkzeug bei allen neuen Kunden und beim jährlichen Strategiegespräch mit den Bestandskunden ein. „Ignore the Crowd“ oder, frei übersetzt, folge nur ja nicht dem Herdentrieb, das ist einer der ehernen Grundsätze der Investmentstrategen der BayernLB. „Es klingt simpel, aber die Folgen werden trotzdem zumeist ignoriert“, sagt Hens. Sein Ziel ist es unter anderem, die Ergebnisse der Behavioural Finance auf konkrete Anlagestrategien an den Börsen anzuwenden und daraus Schlüsse zu ziehen. Er nennt das „Evolutionary Finance“, eine Methode, die derzeit von nur wenigen Wissenschaftlern weltweit praktiziert wird.

Dabei stützt sich Hens ausgerechnet auf die Lehren von Charles Darwin, den man bislang noch nicht als Ökonomen kannte. Aber Hens liebt das interdisziplinäre Wagnis. Wie der Begründer der Evolutionstheorie für Flora und Fauna, so geht der Finanzwissenschaftler auch für den Kapitalmarkt von zwei ordnenden Kräften aus: der Selektionskraft, nach der nur die Fittesten überleben – in diesem Fall die guten Anlagestrategien. In Phasen relativer Ruhe aber, so glaubt Hens, komme am Markt dann die zweite große Darwin’sche Energie zur Wirkung: die Mutation. Neue Ideen dringen in bisher erfolgreiche Anlagestrategien ein.

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