Paul Samuelson
Der letzte Generalist ist tot

Der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Paul Samuelson starb im Alter von 94 Jahren. Wie kein Zweiter hat er seine Disziplin in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt. Samuelson war ein überzeugter Marktwirtschaftler - den puren, unregulierten Kapitalismus aber lehnte er ab.
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ZÜRICH/LONDON. Die Studenten am berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) waren es gewohnt, dem alten weißhaarigen Mann mit seinem spitzbübischen Lächeln beim Mittagessen zu begegnen. Oft saß Paul Samuelson in der Kantine und stocherte in seinem Salat herum. Das MIT, dessen wissenschaftlichen Weltruhm Samuelson mit seiner Forschung und Lehre mitbegründet hat, war für ihn wie ein zweites Zuhause. Einer seiner besten Freunde und ebenfalls ein Nobelpreisträger, Robert Solow, saß im Nebenzimmer.

Am vergangenen Sonntag ist Samuelson im Alter von 94 Jahren in seinem Haus in einem Vorort von Boston gestorben. Wie kein zweiter Ökonom hat der Nobelpreisträger des Jahres 1970 seine Disziplin in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt. Samuelson war es, der die Mathematik als Analysewerkzeug für Ökonomen populär machte - in seiner Dissertation "Foundations of Economic Analysis" entwickelte er die methodischen Grundlagen der modernen Volkswirtschaftslehre. Für dieses "Anheben des analytischen Niveaus" in der Wirtschaftswissenschaft erhielt er 1970 den Nobelpreis. "Jeder moderne Ökonom steht auf seinen Schultern", betont MIT-Professor James Poterba.

Interessen von der Mathematik bis zum Finanzjournalismus

Doch Samuelson war niemand, der nur im Elfenbeinturm zu Hause war - seine ökonomische Intuition war legendär. Er war, wie er selbst einmal sagte, einer der letzten Generalisten seines Fachs: "Meine Interessen reichen von der mathematischen Volkswirtschaftslehre bis hin zum Finanzjournalismus."

In seinem mit Bücher- und Papierstapeln überfüllten Büro liebte Samuelson es, seine Besucher zu verblüffen: "Ihr digitales Tonband, ist das ein asiatisches Modell?" fragte er, als ihn das Handelsblatt vor fünf Jahren in Cambridge besuchte. Ein passender Auftakt zu einem Gespräch, in dem es um die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer gehen sollte. Samuelson hatte damals in einem provozierenden Aufsatz den Glauben an den allgemeinen Nutzen des Freihandels infrage gestellt und damit an einem vermeintlichen Naturgesetz der Ökonomie gerüttelt. Typisch Samuelson - bis ins hohe Alter gefiel er sich in der Rolle des "enfant terrible emeritus".

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