Politikberatung
Ökonomen im Auftrag Ihrer Majestät

In Deutschland sind die Ministerien fest in der Hand der Juristen - Ökonomen bekommen dor kaum ein Bein auf den Boden. Nicht so in Großbritannien. Dort gibt es sogar einen eigenen "Government Economic Service", der über die Qualität der Ökonomen im Staatsdienst wacht. Was Deutschland davon lernen kann.
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Jeder kennt Nicholas Stern. Allenfalls Al Gore hat für die Popularisierung der Klimaschutzdebatte mehr geleistet als der britische Ökonom mit seiner wegweisenden Studie über die Kosten der Erderwärmung. Doch kaum jemand kennt die Organisation, der er bis Mitte 2007 vorstand: den Government Economic Service (GES). Sie wählt alle Wirtschaftswissenschaftler für den britischen Staatsdienst aus und hält den Gedankenaustausch zwischen ihnen und mit der Wirtschaft und den Universitäten aufrecht.

1964 vom Keynesianer Alec Cairncross als Club von 22 Mitgliedern gegründet, wuchs die Gruppierung mit den Jahren zu einer einflussreichen Querschnittsorganisation innerhalb der Regierungsbürokratie heran. Ihren größten Wachstumsschub erlebte sie unter der Labour-Regierung. Seit 1995 verdreifachte sich die Zahl der Mitglieder auf rund 1 500. Sie arbeiten in 30 Ministerien und Behörden. Bis heute ist der Government Economic Service international in dieser Form einmalig.

„Die Organisation ist aus dem Wunsch entstanden, die Rekrutierung von Nachwuchs zu verbessern und die professionellen Standards zu erhöhen“, sagt ihr stellvertretender Direktor Andrew Ross. Er empfängt Besucher im Schatzamt, einem wuchtigen Prachtgebäude schräg gegenüber dem Parlament in Westminster. Das Amt, dessen Macht im Lande über die eines Bundesfinanzministeriums in Berlin hinausreicht, ist die Steuerzentrale der Wirtschaftspolitik und darum auch Basis des GES.

Traditionell stellt das Schatzamt den Direktor, doch seit Sterns Abschied wird die Organisation von einer Doppelspitze geführt – von Dave Ramsden, Abteilungsleiter für Makroökonomie und Fiskalpolitik des Schatzamts, und Vicky Pryce, Chefvolkswirtin des Wirtschaftsministeriums. Ihre Berufung an die Spitze der Organisation war gleich eine doppelte Premiere: die erste Frau und die erste Vertreterin des Wirtschaftsministeriums.

Am Economic Service vorbei kann kein Ökonom Karriere im britischen öffentlichen Dienst machen. Der Rat definiert die Voraussetzungen für die Einstellung und sichtet die Bewerber. Sehr gute oder gute Abschlüsse in Studiengängen mit mindestens hälftigem wirtschaftswissenschaftlichem Anteil muss jeder Bewerber mitbringen. Im Assessment-Center schneiden regelmäßig die Absolventen von Top-Unis wie Oxford und Cambridge am besten ab. Trotz eines recht bescheidenen Startsalärs von umgerechnet 34 000 Euro ist der Andrang groß.

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