Politischer Proport für Sachverständigenrat wichtiger als wissenschaftliche Exzellenz
Anschluss verpasst

Früher waren die Wirtschaftsweisen innovativer Agendasetter in Wissenschaft und Politik – heute sind sie es nicht mehr. Warum?

Die Attacke war gut versteckt - so gut, dass sie am Anfang fast niemand bemerkte. Im achten Absatz auf Seite 127 seines 13. Jahresgutachtens schrieb der Sachverständigenrat (SVR) im Herbst 1976: „Die nachfrageorientierte Globalsteuerung muss durch eine mittelfristig angelegte, angebotsorientierte Therapie ergänzt werden.“ Auf mehreren Seiten diskutierten die Ratsmitglieder danach Aufgaben, Wirkungskanäle und Instrumente einer solchen „angebotsorientierten Wirtschaftspolitik“.

Mit dieser Passage erlebte der Rat vor genau 30 Jahren eine seiner Sternstunden. Weltweit gehörten die „Fünf Weisen“ damals zu den ersten Ökonomen, die eine Abkehr von den wirtschaftspolitischen Konzepten des John Maynard Keynes vordachten und einen konsistenten Gegenentwurf skizzierten. Die Öffentlichkeit nahm davon keine Notiz. Doch in Ökonomenzirkeln waren die Thesen schnell Top-Thema – ähnlich wie zwei Jahre zuvor. Schon 1974 hatte der Rat eine wissenschaftliche Innovation geliefert: das Konzept der geldmengenorientierten Notenbankpolitik.

Der SVR – eine Gruppe von forschungsstarken Ökonomen, die die wirtschaftspolitische Agenda bestimmen, diese Zeiten sind vorbei. Das Gremium, das am Mittwoch sein 43. Jahresgutachten vorlegt, hat sich von der aktuellen Forschungsfront abgekoppelt. Die Ratsmitglieder treiben die Ökonomie nicht mehr voran. Mitunter berücksichtigen sie nicht einmal die neuesten Erkenntnisse ihrer Kollegen. So scheinen die Grenzen zwischen Wissenschaft und Ideologie im „Olymp der Ökonomen“ teilweise zu verschwimmen.

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielschichtig. Wissenschaftliche Exzellenz ist kein zentrales Auswahlkriterium für die Berufung der Ratsmitglieder – wichtiger ist der politische Proporz. So haben Arbeitgeber und Gewerkschaften bei je einem Ratsmitglied ein informelles Vorschlagsrecht.

Die Konsequenz: Keines der aktuellen Ratsmitglieder gehört zu den Top 100 der forschungsstärksten Volkswirte. Das zeigt das Handelsblatt-Ökonomenranking, das methodisch internationalen Standards zur Evaluierung ökonomischer Forschung folgt. Maßgeblich sind die Aufsätze in den wichtigsten internationalen Fachzeitschriften. Ähnliche Kriterien legen moderne VWL-Fakultäten bei der Berufung von Professoren an.

Selbst, wenn man die Forschungsleistung aller „Fünf Weisen“ zusammenzählt, liegt das Gremium mit 9,09 Punkten im Handelsblatt-Ranking nur auf Platz 21. Das forschungsstärkste Mitglied des Rates ist Beatrice Weder di Mauro. Die 41-jährige, die seit 1995 wissenschaftlich aktiv ist, kommt auf 3,04 Punkte und verfehlt relativ knapp den Einzug in die Handelsblatt-Bestenliste. Für Platz 100 braucht man derzeit mindestens 3,69 Zähler. Wolfgang Franz hat zwar absolut betrachtet einen etwas höheren Forschungsoutput als seine Kollegin, ist aber doppelt so lange im Geschäft.

Hinzu kommen weitere Strukturprobleme: Die „Fünf Weisen“ arbeiten quasi im Nebenjob. Nur zwei Monate pro Jahr, vor der Veröffentlichung der Jahresgutachten, widmen sie ihre volle Arbeitskraft dem Rat. Den Rest des Jahres treffen sie sich nur einmal pro Monat. Öffentlich in Erscheinung tritt das Gremium in dieser Zeit nur durch Interviews der Räte, die ihre persönliche Meinung kundtun. Für forschungsstarke Volkswirte ist diese Konstruktion nicht attraktiv. So lehnte Michael Burda, Makroökonom an der HU Berlin und im Handelsblatt-Ranking auf Platz 26, vor einigen Jahren einen Ruf in den Rat ab.

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