Postautisten Sturm auf die Mainstream-Ökonomie

Lange Zeit fristeten die Postautisten ein Nischendasein, nun verleiht ihnen die Wirtschaftskrise international Auftrieb. Ihre Kritk, die etablierte Volkswirtschaftslehre sei realitätsfremd, zu mathematisch und wenig offen gegenüber neuen Ideen, trifft vor allem bei Studenten auf Zustimmung.
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Innerhalb der Volkswirtschaftslehre ist ein Streit über die inhaltliche Ausrichtung entbrannt. Quelle: Lutz Widmaier

Innerhalb der Volkswirtschaftslehre ist ein Streit über die inhaltliche Ausrichtung entbrannt.

(Foto: Lutz Widmaier)

HEIDELBERG. Wenn Studenten etwas zu sagen hätten im ökonomischen Lehrbetrieb, dann müsste sich eine Menge ändern. Im Hörsaal 5 der Heidelberger Universität jedenfalls drängen sich weit mehr als 200 Studenten an einem Donnerstagabend im November abends um 19 Uhr, vollkommen freiwillig.

Sie alle wollen einen Vortrag des französischen Ökonomen Serge Latouche hören, der den Abschied von der Idee des Wirtschaftswachstums fordert. Sie alle folgen der Einladung einer Gruppe, die sich selbst "Arbeitskreis Postautistische Ökonomie" nennt.

Einige Tausend Mitglieder weltweit zählen solche Arbeitskreise mit dem provokanten Namen. Einige Professoren und Nachwuchswissenschaftler, hauptsächlich aber Studenten haben sich darin organisiert. Sie klagen, dass die etablierte Volkswirtschaftslehre realitätsfremd sei und unter Denkverboten leide. Sie sei eben autistisch, lautet der Vorwurf.

Gemeint ist damit zweierlei: Die Mainstream-Ökonomie hänge zu einseitig an der neoklassischen Lehre und zeige sich nur wenig offen gegenüber neuen Ideen. Und: Das noch immer häufig postulierte Menschenbild des "Homo oeconomicus" sei realitätsfremd. Der Mensch sei nicht so egoman und emotionslos, wie traditionelle Ökonomen behaupteten - er interessiere sich sehr wohl für Moral und Mitmenschen.

Die Postautisten fordern eine Volkswirtschaftslehre, die zum Mitdenken einlädt und Dogmen geschichtlich einordnet. Sie wollen sich an der Realität mit allen sozialen und ökologischen Problemen abarbeiten und nicht Modelle auswendig lernen, die ihrer Meinung nach an der Realität vorbeigehen. Sie wollen Meinungsvielfalt statt Marktgläubigkeit. Und sie wollen weniger Mathematik.

Postautisten in 150 Ländern

Vor neun Jahren schon haben Studenten an der Pariser Sorbonne die Bewegung ins Leben gerufen. Ausgangspunkt war eine Fundamentalkritik an der etablierten mikroökonomischen Theorie. "Wir wollen der Traumwelt entkommen" schrieben sie in einer Petition. Sie kritisierten scharf die realitätsfernen Modelle und den dogmatischen Gebrauch der Mathematik.

Doch lange fristeten die Postautisten ein Nischendasein. Die Wirtschaftskrise jedoch, die viele Hochschullehrer in Erklärungsnot gebracht hat, verleiht ihnen neue Dynanik. Eine Fachzeitschrift, die der Arbeitskreis herausgibt, hat inzwischen 11 000 Abonnenten aus 150 Ländern.

Der deutsche Arbeitskreis, 2003 gegründet, aber lange eher im Verborgenen aktiv, bekommt derzeit kräftig Zulauf - vor allem an den Universitäten Heidelberg, Kassel und Greifswald. In Tübingen und Freiburg gründen sich zurzeit neue Gruppen.

Die gut besuchte aktuelle Vortragsreihe in Heidelberg offenbart, wie empfänglich Studenten für ihre Forderungen sind - denn viele sind von ihrem Fach enttäuscht.

Zum Beispiel Tobias Vorlaufer, der in Heidelberg politische Ökonomik studiert. Ihm wurde ein interdisziplinärer Ansatz versprochen. "Aber die Veranstaltungen haben das nicht eingehalten", resümiert er. Zu wenig Realitätsnähe, zu wenig Diskussionen. Und er fühlt sich keineswegs allein mit seiner Kritik: "Die Zahl der Enttäuschten nimmt zu." International hat die Bewegung auch Unterstützung von Nobelpreisträger Paul Krugman bekommen. In seiner Kolumne in der "New York Times" rief er im September seine Profession zu mehr Selbstkritik und weniger Marktgläubigkeit auf. "Die Mathematik soll Diener und nicht Herr der Volkswirtschaftslehre sein."

So lange Studenten diese Forderungen formulierten, "wurde uns unterstellt, dass wir nicht rechnen wollen", sagt Thomas Dürmeier, einer der Gründer des deutschen Arbeitskreises und Doktorand an der Uni Kassel. Doch das stimme nicht. "Wir brauchen einfach eine andere Mathematik." Bislang werde in den meisten Modellen stets ein stabiles Gleichgewicht unterstellt - tatsächlich aber seien oft mehrere Gleichgewichte möglich. Nach Krugmans Kolumne unterzeichneten weltweit mehr als 2 200 Studenten und Professoren eine von den Postautisten initiierte Petition.

Der seit Jahresbeginn vor allem in der deutschen Volkswirtschaftslehre zum Teil erbittert geführte Streit um die Ausrichtung des Fachs geht den Postautisten nicht weit genug. Seit einigen Monaten streiten zwei Gruppen innerhalb der ökonomischen Profession an den Universitäten über die Relevanz ordnungspolitischer Grundsatzüberlegungen und die Rolle von mathematischen Modellen im Fach.

Die Postautisten dagegen wollen, dass verschiedene Lehrmeinungen in Vorlesungen und Seminaren vermittelt und diskutiert werden. "Uns geht es nicht darum, die eine oder die andere Wahrheit zu unterstellen, sondern viele Deutungen zuzulassen", erklärt Christoph Gran. Der wissenschaftliche Mitarbeiter an der Uni Heidelberg sitzt im Vorstand des Arbeitskreises Postautistische Ökonomie.

Rüdiger Bachmann, Professor an der Universität Michigan und einer der Wortführer der mathematisch orientierten VWL-Professoren, betreibt eine Webseite zum Methodenstreit und hat darin die Forderungen der Postautisten neben anderen aufgenommen.

Bachmann gilt als Mainstream-Ökonom, der sich allerdings offen gegenüber einer größeren Studentenorientierung und neuen Ideen zeigt. Er ist überzeugt, dass "jeder Ansatz, der es schafft eine wissenschaftlich produktive Gruppe von Forschern hinter sich zu versammeln, in Vorlesungen gewürdigt werden sollte."

Doch ganz so einfach lasse sich das Problem nicht lösen, sagt Marco Lehmann-Waffenschmidt. Er lehrt in Dresden evolutorische Ökonomik - ein Forschungsgebiet, das abseits des Mainstreams versucht, den langfristigen Wandel ökonomischer Systeme zu analysieren.

In den wissenschaftlichen Fachzeitschriften, sagt Lehmann-Waffenschmidt, zeige sich die Mainstream-Ökonomik nur wenig offen gegenüber neuen wissenschaftlichen Betrachtungsweisen. Nicht immer finde ein fairer Wettbewerb um die besten Ideen statt. "Nicht alles, was von den Journals abgelehnt wird, ist schlecht, sondern vielleicht einfach nur neu oder anders", erklärt er und verweist auf abgelehnte Artikel späterer Nobelpreisträger wie Ronald Coase oder George Akerlof.

Von etablierten Ökonomen bekamen die Postautisten von Anfang an heftigen Gegenwind. Der heutige IWF-Chefökonom Olivier Blanchard und der Nobelpreisträger Robert Solow hatten bereits kurz nach der Gründung der Bewegung einen Gegenaufruf gestartet und die Kritik zurückgewiesen. Vor allem an dem Begriff "postautistisch" reiben sich viele Volkswirte: Der Vorwurf des Autismus sei "unverschämt und falsch", sagt zum Beispiel Martin Peitz, Professor für Mikroökonomie in Mannheim. "Die VWL ist auch in der Spitzenforschung kein Monolith." Das Fach sei methodisch breit aufgestellt und für viele Fragestellungen offen.

Manche der Studenten aus dem Arbeitskreis sprechen daher lieber von "Real World Economics" als von postautistischer Ökonomie. "Das klingt nicht ganz so diffamierend", erklärt Gran. Seine Überlegungen sind dennoch nicht weniger radikal. "Wenn sich die VWL nicht ändert, dann wird sie bedeutungslos." Sie habe keine konstruktiven Antworten auf Fragen wie Klimazerstörung, Arbeitslosigkeit und Finanzkrise. Sie werde daher mit der Zeit immer weniger Studenten anziehen, ist Gran überzeugt.

Diese Sorge nimmt Lars-Hendrik Röller, Präsident der ESMT in Berlin und Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik, der die Interessen der VWL-Professoren vertritt, durchaus ernst. So sinkt die Zahl der Studenten in der VWL seit 2004, während die BWL-Fakultäten nach wie vor boomen.

Röller stimmt den Studenten auch zu, dass es gerade zu Beginn des Studiums wichtig ist, klar zu machen, wofür die VWL gut ist. Hochschullehrer müssten sich immer wieder hinterfragen und einen Wissenstransfer aus der Forschung und aus der Realität in die Lehre übersetzen. "Das ist eine echte Herausforderung", sagt Röller. "Vor allem seit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge sei es schwierig, alles unterzubringen.

Darin sehen alle Professoren ein Problem. Aber produktive Methodenvielfalt gehöre zur Wissenschaft und damit auch in die Lehre, betont Bachmann. "Alles andere wäre Religion."

Kritik an der Lehre

Geschichte: Die erste Petition "Autisme Economie" starteten im Jahr 2000 Studenten an der Pariser Sorbonne. Trotz einer regen Debatte in den Medien änderte sich an den französischen Lehrplänen aber nichts. Wenige Monate später wandten sich 27 Doktoranden an der britischen Eliteuniversität Cambridge gegen eine marktbeherrschende Stellung der Neoklassik und ihre Annahmen von der Nutzenmaximierung, ohne jedoch den Mainstreamansatz grundsätzlich abzulehnen.

Aktivitäten: Die Organisation internationalisiert und professionalisiert sich. Aus einem Newsletter hat sich der "Real World Economics Review" entwickelt, der in 150 Ländern mehr als 11 000 Abonnenten hat. Die nationalen und lokalen Arbeitskreise erarbeiten Theorien jenseits der Neoklassik und organisieren Vortragsreihen zum Beispiel zu den Grenzen des Wachstums. Im November sprach in Heidelberg der Ökonom und Philosoph Serge Latouche (Foto).

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4 Kommentare zu "Postautisten: Sturm auf die Mainstream-Ökonomie"

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  • Wo steht denn, Mathematik wolle man nicht? (Zitat bitte)

  • Der begriff der Postautisten ist mir neu - aber die Position scheint sich ziemlich mit meiner zu überschneiden:(...)

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“. http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Welchen Sinn macht es, pauschal zu sagen, Mathematik wolle man nicht.

    ich kann nur Masahiko Aoki und Samuel bowles empfehlen; die machen real world economics, aber auch mit Mathe...

  • Mathematik ist in jedem Fall nötig. Auch evolutionäre Ansätze arbeiten mit Statistik und stochastischen Simulationen.

    Daß die heutigen Studenten kaum in der Lage sind zu folgen, hat andere Gründe.

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