Postautisten
Sturm auf die Mainstream-Ökonomie

Lange Zeit fristeten die Postautisten ein Nischendasein, nun verleiht ihnen die Wirtschaftskrise international Auftrieb. Ihre Kritk, die etablierte Volkswirtschaftslehre sei realitätsfremd, zu mathematisch und wenig offen gegenüber neuen Ideen, trifft vor allem bei Studenten auf Zustimmung.
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HEIDELBERG. Wenn Studenten etwas zu sagen hätten im ökonomischen Lehrbetrieb, dann müsste sich eine Menge ändern. Im Hörsaal 5 der Heidelberger Universität jedenfalls drängen sich weit mehr als 200 Studenten an einem Donnerstagabend im November abends um 19 Uhr, vollkommen freiwillig.

Sie alle wollen einen Vortrag des französischen Ökonomen Serge Latouche hören, der den Abschied von der Idee des Wirtschaftswachstums fordert. Sie alle folgen der Einladung einer Gruppe, die sich selbst "Arbeitskreis Postautistische Ökonomie" nennt.

Einige Tausend Mitglieder weltweit zählen solche Arbeitskreise mit dem provokanten Namen. Einige Professoren und Nachwuchswissenschaftler, hauptsächlich aber Studenten haben sich darin organisiert. Sie klagen, dass die etablierte Volkswirtschaftslehre realitätsfremd sei und unter Denkverboten leide. Sie sei eben autistisch, lautet der Vorwurf.

Gemeint ist damit zweierlei: Die Mainstream-Ökonomie hänge zu einseitig an der neoklassischen Lehre und zeige sich nur wenig offen gegenüber neuen Ideen. Und: Das noch immer häufig postulierte Menschenbild des "Homo oeconomicus" sei realitätsfremd. Der Mensch sei nicht so egoman und emotionslos, wie traditionelle Ökonomen behaupteten - er interessiere sich sehr wohl für Moral und Mitmenschen.

Die Postautisten fordern eine Volkswirtschaftslehre, die zum Mitdenken einlädt und Dogmen geschichtlich einordnet. Sie wollen sich an der Realität mit allen sozialen und ökologischen Problemen abarbeiten und nicht Modelle auswendig lernen, die ihrer Meinung nach an der Realität vorbeigehen. Sie wollen Meinungsvielfalt statt Marktgläubigkeit. Und sie wollen weniger Mathematik.

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Kommentare zu " Postautisten: Sturm auf die Mainstream-Ökonomie"

Alle Kommentare

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  • Wo steht denn, Mathematik wolle man nicht? (Zitat bitte)

  • Der begriff der Postautisten ist mir neu - aber die Position scheint sich ziemlich mit meiner zu überschneiden:(...)

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“. http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Welchen Sinn macht es, pauschal zu sagen, Mathematik wolle man nicht.

    ich kann nur Masahiko Aoki und Samuel bowles empfehlen; die machen real world economics, aber auch mit Mathe...

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