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Prof. Dr. Computer

Interaktive Software revolutioniert die Ökonomenausbildung – bislang aber nur im Ausland.

Das künstliche Licht in dem fensterlosen Hörsaal ist so hell, dass die Grafik auf der weißen Leinwand kaum noch zu erkennen ist. Kurven, Schnittpunkte, Pfeile verschwimmen vor den Augen. „Wenn sich das Einkommen ändert, wie ändert sich der Zins, um wieder auf ein Gleichgewicht am Geldmarkt zu kommen?“ fragt Wim Kösters, Ökonomieprofessor an der Uni Bochum. Für eine Antwort bleibt keine Zeit: In Sekundenschnelle klickt er sich durch den Foliensatz, um den Effekt zu verdeutlichen – fast wie im Daumenkino. Knapp 600 Studenten blättern hastig in den dicken Skripten, die vor ihnen auf den Pulten liegen. Ein paar Seiten vor, zurück und wieder vor.

So wie in dieser Einführungsveranstaltung zur Makroökonomik an der Ruhr-Universität Bochum sieht für angehende Ökonomen der Alltag an fast allen deutschen Hochschulen aus. Die Wissensvermittlung, sie funktioniert auch im Internetzeitalter noch wie anno dazumal.

In Zukunft könnte damit Schluss sein. Computerprogramme und Internetanwendungen dürften in den nächsten Jahren das Studium der Volks- und Betriebswirtschaftslehre gründlich umwälzen. Ob animierte Darstellungen, Grafik-Workshops, Videointerviews mit berühmten Ökonomen oder Foren zum Wissensaustausch – all das wird in der Ökonomenausbildung eine zunehmend größere Rolle spielen.

„Die neuen Entwicklungen sind sehr interessant“, betont Ernst-Ludwig von Thadden, Ökonomieprofessor an der Universität Mannheim. Und sein Heidelberger Kollege Andreas Irmen ergänzt: „Es ist wahrscheinlich, dass VWL-Studenten über Computer und Internet eher zum Lernen zu bewegen sind.“ Einen kleinen Vorgeschmack gibt es in der Betriebswirtschaftslehre, wo schon heute teilweise computergestützte Unternehmensplanspiele zum Einsatz kommen.

Ein Pionier auf dem Markt für ökonomische Lernsoftware ist Interactyx. 2006 hat die schottische Firma das Produkt LiveEcon auf den Markt gebracht – eines der ersten elektronischen Lehrbücher für Makro- und Mikroökonomie.

Am Bildschirm können Studenten ökonomische Modelle selber verändern und „Schritt für Schritt erforschen, wie diese funktionieren“, erklärt Jochen Runde, Dozent an der Judge Business School der Universität Cambridge und Koautor von LiveEcon. Ein Beispiel: Im Kapitel über Volkseinkommen und Ausgaben in der Makroökonomie-Version lassen sich in einem Koordinatensystem die Kurven für die gesamtwirtschaftliche Ersparnis und die Investitionen per Mausklick beliebig verschieben. Sofort zeigen sich die Auswirkungen von Zu- oder Abnahmen, etwa auf den Zinssatz.

„Gerade in der Ökonomie, einer Disziplin mit viel mathematischer Theorie, vereinfacht eine dynamische Darstellung mit Modellierungsmöglichkeiten das Lernen enorm“, sagt Runde. In traditionellen Lehrbüchern würden Studenten zwar Antworten auf ihre Fragen bekommen. Aber viele von ihnen fänden reine Textinhalte „langweilig und wenig verlockend“, so der Ökonomiedozent.

Mehr als 60 Universitäten in Großbritannien und den USA setzen LiveEcon in der Lehre ein. Auch in Australien, Indien und Südafrika finden sich Abnehmer. Eine Einzellizenz kostet 40 bis 60 britische Pfund. Die Universitäten besitzen meist Mehrfachlizenzen für alle Studenten. Auf dem deutschen Markt ist Interactyx nicht vertreten.

Auch traditionelle Wissenschaftsverlage bieten zunehmend E-Learning-Angebote an, die Studenten vor allem zu Hause das Lernen erleichtern sollen. Beispielhaft ist das englischsprachige Online-Lernportal MyEconLab des britischen Verlags Pearson Education, das bereits seit 2002 auf dem Markt ist. Auch die Internetseiten, die die US-Verlage zu den von ihnen herausgegebenen Lehrbüchern ins Netz stellen, gehen längst über reine Marketingauftritte hinaus.

Der vom amerikanischen Verlag Worth Publishers entworfene Internetauftritt zum Lehrbuch „Microeconomics“ von Paul Krugman und Robin Wells ist ein Beispiel. Neben Fragenkatalogen, Fallstudien und Grafik-Workshops können die Studenten den Autoren einen „Hausbesuch“ abstatten: Krugman und Wells sitzen entspannt vor einem Regal voller Bücher und erklären im Plauderton das Prinzip von Angebot und Nachfrage – mit vielen anschaulichen Beispielen aus dem wahren Leben.

Ähnlich aufwendig ist die Web-Seite zu Gregory Mankiws Lehrbuch „Principles of Economics“. Der US-Verlag Thomson South-Western kooperiert mit dem Nachrichtensender CNN, um Studenten thematisch passende Fernsehberichte zeigen zu können.

„Wir beobachten das Phänomen E-Learning seit einiger Zeit mit Spannung“, gesteht Frank Katzenmayer, der beim Stuttgarter Wissenschaftsverlag Schäffer-Poeschel für den Bereich VWL zuständig ist. Er ist der festen Überzeugung, dass sich die deutschen Verlagshäuser, die langfristig im Markt bleiben wollen, früher oder später den angelsächsischen Maßstäben anpassen müssen. Der Schäffer-Poeschel-Verlag, der wie das Handelsblatt zur Holtzbrinck-Gruppe gehört, hat bisher für ein VWL-Lehrbuch eine Übungs- und Simulations-Software im Programm.

Ein Hemmschuh für E-Learning in der deutschen Ökonomenausbildung ist, dass der hiesige Markt deutlich kleiner ist als der englischsprachige. „Die Entwicklung von E-Learning-Produkten verschlingt Unsummen von Geldern“, sagt Doris Linka, Leiterin bei Pearson Studium, dem deutschen Ableger von Pearson Education. Je größer der Markt, desto eher rentieren sich solche Investitionen. Zudem unterscheiden sich die Preise für Lehrbücher in den Ländern stark. „In Deutschland kostet ein Standardlehrbuch um die 40 Euro und damit viel weniger als zum Beispiel in den USA, wo der Preis bei etwa 90 Dollar liegt“, so Katzenmayer. „Die höheren Gewinne stecken die US-Verlage dann in die Entwicklung von E-Learning-Angeboten.“

Im Jahr 2010 will Pearson Studium auch eine deutsche Version des Ökonomieportals MyEconLab anbieten. „Wir können uns das aber nur leisten, weil wir auf eine Technologie aufsetzen, die in den USA bereits entwickelt wurde“, betont Linka. Auch Schäffer-Poeschel greift bei der Vorbereitung der deutschen Ausgabe des Mikro-Lehrbuchs von Krugman und Wells auf das bereits bestehende E-Learning-Angebot des amerikanischen Schwesterverlags Worth Publishers zurück.

Zudem hinderlich sind Größe und Strukturen der deutschen Unis . Während an angelsächsischen Unis reine Lehrprofessuren üblich sind, wechseln in Deutschland die Forscher in den Vorlesungen von Semester zu Semester. „Das häufige Wechseln der Übungsleiter hemmt die Bereitschaft, in die Ausarbeitung neuer Lehrmittel zu investieren“, erklärt der Heidelberger Ökonom Irmen. Auch die Anschaffungskosten schrecken die chronisch klammen deutschen Hochschulen ab.

Ein weiteres Manko ist die Größe der Vorlesungen. „An amerikanischen Universitäten gibt es in der Ökonomie kaum Vorlesungen mit mehr als 300 Studenten – und das gilt eigentlich schon als inakzeptabel“, sagt Elu von Thadden aus Mannheim. „Außer in den Einführungsveranstaltungen sitzen dort normalerweise 15 bis 40 Studenten.“ Eine so überschaubare Gruppe könne deutlich einfacher interaktiv arbeiten.

Manche Professoren bezweifeln auch, ob die neuen technischen Möglichkeiten wirklich eine Verbesserung sind. „Ich sehe die Gefahr, dass Studenten vor lauter Spielerei nicht mehr selber nachdenken und verlernen, Sachverhalte kritisch zu hinterfragen“, sagt der Münchener VWL-Professor Gerhard Illing. „Wenn Daten stupide in Programme eingegeben werden und nur das Ergebnis betrachtet wird, hat das keinen Lerneffekt.“

Kirsten Ludowig
Kirsten Ludowig
Handelsblatt / Stellvertretende Ressortleiterin Unternehmen & Märkte
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