Professor Rastlos
Hans Joachim Voth: Von McKinsey in die Uni

Hans-Joachim Voth hätte bei McKinsey durchstarten können. Aber er flüchtet zurück an die Uni. Heute erforscht er in Barcelona Spekulationsblasen, und fast alle suchen seinen Rat – der Finanzminister, Gewerkschaften und Berater.

Seine Kollegen sind ziemlich irritiert, seine Chefs noch viel mehr. Gerade erst hatte Hans-Joachim Voth im Sommer 1996 bei McKinsey angefangen; 28 Jahre jung ist er, den Doktortitel in der Tasche. Ein kluger Kopf, keine Frage. Aber auch noch ganz schön unerfahren. Ein kleines Licht in der McKinsey-Hierarchie. Einer, der sich hinten anstellen sollte. Eigentlich.

Tut er aber nicht. Sein erstes Projekt führt ihn zur Deutschen Börse nach Frankfurt. Immer häufiger sitzt Voth, der große, schlaksige Junior-Berater im dunklen Anzug, weißen Hemd und unauffälliger Krawatte mit einem deutlich älteren und unprätenziösen Herrn zusammen. Mit einem Pfeifenraucher, der meist T-Shirt und Schlabberhose trägt und fast nie eine Krawatte: Werner G. Seifert, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse.

Die beiden diskutieren, stundenlang, bis in die Nacht. Anfangs sind meist noch höherrangige McKinsey-Leute dabei, immer häufiger reden Seifert und Voth aber unter vier Augen. „Die anderen in meinem Team“, erinnert sich Voth 13 Jahre später, „haben schon komisch geguckt.“ Immerhin: Dass er so schnell das Vertrauen von Seifert fand, hilft ihm beim Jahresbonus sehr.

„Voth ist mir sofort aufgefallen und hat mich wirklich beeindruckt“, erinnert sich Seifert selbst. Der junge Mann, merkt der Börsenchef schnell, ist kein normaler Unternehmensberater. Niemand, der jedem beliebigen Problem vorgefertigte Standardrezepte überstülpt. Sondern einer, der sich wirklich eindenkt, die Dinge verstehen will, und dann eigene Ideen entwickelt. „Er bohrte einfach tiefer als die anderen“, schwärmt Seifert noch heute. „Er hat schnell erfasst, was das Hauptproblem war, und hat extrem attraktive Lösungsansätze entwickelt.“ Ob es um die Einführung eines elektronischen Handelssystems geht, um die Argumente gegen eine Börsenumsatzsteuer oder eine Analyse der Konkurrenten für die Deutsche Börse – Seifert diskutiert bald lieber mit dem 28-jährigen Junior-Berater als mit dem altgedienten, erfahrenen McKinsey-Personal.

Zum „Mecki“ wird Voth denn auch nicht. Sein Ausflug in die Privatwirtschaft endet schnell. Voth macht in den Jahren danach Karriere, ja doch, aber weder bei McKinsey noch bei der Deutschen Börse noch in der SPD, für die er eine Schwäche hat. Sondern in der Wissenschaft. Nach zwei Jahren bei McKinsey geht er zurück an die Uni. Und 13 Jahre später, mit gerade mal 40, ist er einer der international erfolgreichsten und einflussreichsten Wirtschaftswissenschaftler Europas. Voth hat einen Lehrstuhl an der Universität Pompeu Fabra (UPF) in Barcelona, die zu den besten Adressen für Volkswirtschaftslehre in Europa gehört; seine Arbeiten erscheinen regelmäßig in den wichtigsten Fachzeitschriften der Welt.

Gerade erst hat er vom „European Research Council“ der EU 2,1 Millionen Euro für seine Forschung bekommen; und erst vor kurzem hat er wieder ein AbwerbeAngebot einer renommierten Hochschule ausgeschlagen. Diesmal wollten ihn die Volkswirte der Berliner Humboldt-Uni holen, vorher hatte Zürich an ihm gebaggert. Für McKinsey arbeitet Voth bis heute, aber immer nur freiberuflich. An mehreren McKinsey-Büchern hat er mitgearbeitet, und auch bei Beratungsprojekten zieht ihn sein alter Arbeitgeber immer wieder heran. „Wir schätzen ihn sehr“, sagt McKinsey-Manager Heino Faßbender.

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