Profilbildung von Hochschulen - das Beispiel Oldenburg
Volle Konzentration

Oldenburg ist die heimlich Hauptstadt der umweltökonomischen Forschung in Deutschland - und ein Musterbeispiel für erfolgreiche Schwerpunktbildung. An keiner anderen deutschen Hochschule gibt es so viel Sachverstand zu diesem Thema. Andere Hochschulen können in Sachen Profilbildung Einiges von Oldenburg lernen.
  • 0

Amsterdam, Zürich oder Oldenburg? Vor dieser Frage stand Christoph Böhringer, Leiter des Abteilung Umweltökonomik am Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), im vergangenen Jahr. Hochschulen aus allen drei Städten hatten ihm eine Stelle angeboten - und der 42-Jährige entschied sich ohne große Umschweife für Oldenburg. Eine kleine Universität mit gerade einmal fünf VWL-Lehrstühlen, abgelegen in der norddeutsche Provinz.

Seine Mannheimer Kollegen reagierten mit Kopfschütteln. "Zürich oder Amsterdam könnte ich ja verstehen, aber was bitte zieht Sie nach Oldenburg?", fragte ihn einer. Böhringer brauchte nach Argumenten nicht lange zu suchen: "In meinem Fachgebiet, der Umweltökonomie, ist Oldenburg einfach eine der besten Adressen."

Tatsächlich ballen sich zumindest im deutschsprachigen Raum an kaum einer Hochschule so viele Umweltweltökonomen wie im hohen Norden. Gleich vier Forscher der Fakultät sitzen im umweltökonomischen Ausschuss des Vereins für Socialpolitik - weitere vier Mitglieder wurden an der Oldenburger Universität ausgebildet oder waren dort früher tätig. Zum Vergleich: Selbst große Fakultäten wie Mannheim oder Frankfurt am Main haben in dem Ausschuss nur ein oder zwei Vertreter. "So ein gutes Forschungsumfeld wie in Oldenburg finde ich woanders nicht so schnell", sagt Böhringer. Laut Handelsblatt-Ranking ist er selbst einer der forschungsstärksten deutschen Umweltökonomen seiner Generation.

Mit ihrer klaren Spezialisierung gehören die Oldenburger Volkswirte in Deutschland zu den Pionieren ihrer Zunft. Ähnlich ausgeprägte, Lehrstuhl übergreifende Forschungsschwerpunkte sucht man an vielen anderen deutschen VWL-Fakultäten vergeblich. Zahlreichen Fachbereichen fehlt bis heute eine klare Forschungsstrategie. Die einzelnen Professoren agieren - sofern sie sich überhaupt in der Forschung engagieren - in der Regel als Einzelkämpfer.

Zu den wenigen Ausnahmen gehören neben Oldenburg die Bonner Volkswirte, die traditionell einen Fokus auf der mikroökonomischen Theorie haben. Magdeburg hat sich in Sachen experimenteller Wirtschaftsforschung einen Namen gemacht, Frankfurt am Main auf dem Feld der Makro-Ökonomie.

Auf Dauer kommen gerade kleinere und mittelgroße Universitäten nicht um eine stärkere Spezialisierung herum - "Profilbildung" und "strategische Fokussierung" gelten unter Bildungsexperten als Königsweg, um im schärfer werdenden Wettbewerb der Hochschulen bestehen zu können. So ist es auch das erklärte Ziel der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern, die Schwerpunktbildung an den Universitäten zu fördern.

"Ohne Profilbildung laufen vor allem Universitäten in der zweiten Reihe Gefahr, zwischen zwei Polen zerrieben zu werden", sagt Hans-Michael Trautwein, Dekan der Oldenburger Fakultät für Wirtschaftswissenschaft. "Wir müssen einerseits unserem regionalen Ausbildungsauftrag nachkommen und uns andererseits mit exzellenter Forschung von den Fachhochschulen absetzen."

Herausragende Forschung könne die Universität angesichts ihrer dünnen Personaldecke aber nur leisten, wenn sich die wenigen Forscher nicht auf vielen verschiedenen Gebieten verzettelt. "Wir haben nur eine Chance, wenn wir die wenigen Ressourcen, die wir haben, bündeln", betont Trautwein.

Seite 1:

Volle Konzentration

Seite 2:

Kommentare zu " Profilbildung von Hochschulen - das Beispiel Oldenburg: Volle Konzentration"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%