Ratingagenturen
Die Inflation der guten Noten

Politiker und Regulierer wollen das Oligopol der drei Ratingagenturen brechen. So wurde bereits über eine eigenständige europäische Agentur diskutiert. Doch eine neue Studie zeigt: Mehr Konkurrenz führt zu schlechteren Ratings.
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LONDON. Es war nur ein kleiner Fehler irgendwo im Computerprogramm. Tausenden von Geldanlegern aber kam er teuer zu stehen. Wegen einer Programmier-Panne hat die Ratingagentur Moody's bis 2007 strukturierte Wertpapiere viel zu gut bewertet. Finanzprodukte im Wert von mehreren Milliarden US-Dollar bekamen irrtümlich die Bestnote "AAA", obwohl sie eigentlich viel schlechter waren. Auch der Ruf der Moody's-Konkurrenten Standard & Poor's und Fitch hat in der Finanzkrise kräftig gelitten - wegen solcher handwerklicher Fehler, aber auch wegen systematischer Fehleinschätzungen. "Wir haben mit unseren Annahmen gründlich danebengelegen", räumt Standard & Poor's-Chef Deven Sharma ein.

Der Markt für Kreditratings hat seine ganz eigenen Gesetze

Wie lassen sich solche Probleme in Zukunft vermeiden? Finanzmarktaufseher, Ökonomen und Politiker setzen dabei vor allem auf mehr Wettbewerb. Das Oligopol der drei Firmen, die das Geschäft mit den Ratings dominieren, müsse aufgebrochen werden. So macht sich Angela Merkel für die Gründung einer europäischen Ratingagentur stark. Konkurrenz, so ihre Logik, belebt das Geschäft.

Mehrere wissenschaftliche Studien ziehen diese Argumentation aber nachhaltig in Zweifel. So haben Bo Becker von der Harvard Business School und Todd Milbourn von der Washington University in St. Louis die Folgen von höherem Wettbewerb zwischen Ratingagenturen erstmals empirisch untersucht und festgestellt: Mehr Konkurrenz führt zu schlechteren Noten. "Alle Indizien sprechen dafür, dass die Qualität der Ratings schlechter wird, wenn der Wettbewerb zunimmt", lautet das Fazit der Arbeit mit dem Titel "How Did Increased Competition Affect Credit Ratings?"

Die Arbeit stützt die Ergebnisse der Ökonomen Heski Bar-Isaac (New York University) und Joel Shapiro (Oxford), die in einer theoretischen Studie mit dem Titel "Ratings Quality over the Business Cycle" zu ganz ähnlichen Schlüssen gekommen sind. Wie lässt sich dieses auf den ersten Blick erstaunliche Ergebnis erklären? Ein endgültiges Urteil über die Gründe können Becker und Milbourn nicht fällen. Das geben die Daten nicht her. Eine Vermutung jedoch schließen die Forscher aus: Sie finden keine Anhaltspunkte dafür, dass sich Emittenten von Anleihen durch die höhere Konkurrenz die Ratingagentur aussuchen konnten, die ihnen besonders wohlgesinnt war.

Dass mehr Wettbewerb zu schlechten Noten führt, erklären die Ökonomen daher mit einigen Besonderheiten des Ratingmarktes: Bezahlt werden die Agenturen nicht von den Nutzern ihrer Arbeit, den Anlegern, sondern von den Emittenten der Wertpapiere. Und diese haben ein hohes Interesse an guten Ratings.

Der wichtigste Anreiz für Moody's und Co., ihren Auftraggebern trotzdem nicht nach dem Mund zu reden, sei die Pflege ihrer Reputation. Ein guter Ruf garantiere, dass sich Anleger auch in Zukunft auf die Urteile der Agenturen verlassen - und die Emittenten gezwungen seien, diese Firmen weiter zu beauftragen. Je schärfer aber der Wettbewerb zwischen Ratingagenturen sei, desto unsicherer würden Folgeaufträge. Kunden würden eher zwischen den Agenturen hin- und herwechseln, betonen die Forscher. Damit steige für die Dienstleister die Verlockung, den unmittelbaren Auftraggebern nach dem Mund zu reden.

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Kommentare zu " Ratingagenturen: Die Inflation der guten Noten"

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  • Konkurrenz ist zweifellos der falsche Ansatz: Solange die Prüfer von der bezahlung durch die Geprüften abhängig sind, wird sich die Qualität der Einschätzungen nicht verbessern. Ratingagenten müssen nach standardisierten Honorarsätzen bezahlt werden, am besten von Kundenverbänden, die ein interesse an der Qualität der Einschätzungen haben.

  • NEUES VON DER FiMOSTAPO
    Schöner kann man es nicht sagen, daß die FiMOSTAPO in ihren Ratings Gefälligkeitsbewertungen, z.b. amerikanischer Staaten wie illinois, vornimmt.
    Man kann es wissenschaftlich drehen und wenden wie man will: Alle Veröffentlichungen der Auf- und Abwertungen sind in ihrem zeitlichen Zusammenhang immer entweder zu früh falsch oder zu spät falsch. Falsch sind sie immer.
    Da aber investitionssicherheit für den investor nahezu keinerlei bedeutung mehr beizumessen ist, wird eine vierte Gründung in brüssel keinerlei Sinn machen, es sei denn aus Personalversorgungsgründen verdienter Europäer.
    Kann mir einfach nicht helfen - sehe die ganze Zeit vor meinem geistigen Auge einen lachenden Chinesen.

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