Reihenfolge-Effekte
Was Dieter Bohlen überzeugt

In Wettbewerben spielt nicht nur Leistung eine Rolle, sondern auch, wann man an der Reihe ist. Zahlreiche Studien zeigen: Wer als Letzter dran ist, hat weit bessere Erfolgsaussichten. Lesen Sie, woran dieser Effekt liegt – und wie sie ihn ausnutzen können.
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KÖLN. Es war ein peinliches Desaster, das die deutsche Pop-Band „No Angels“ im Mai 2008 beim Eurovision Song Contest in Belgrad erlebte. Bei den neun Millionen Fernsehzuschauern, die telefonisch abstimmten, fielen die Mädels komplett durch – die „No Angels“ landeten auf dem letzten Platz.

Wahrscheinlich nicht nur, weil der Song „Disappear“ eine Qual für die Ohren war – hinzu kam wohl auch noch Lospech: Gleich als vierte Band von 24 mussten die „No Angels“ auftreten. Der Gewinner, der Russe Dima Bilan, war als letzter Starter auf die Bühne gegangen.

Das ist mehr als nur Zufall und ein typisches Ergebnismuster. Denn eine Vielzahl von ökonomischen Studien zeigt: Der Ausgang von Wettbewerben hängt oft stark davon ab, in welcher Reihenfolge die Kandidaten auftreten. Je später man dran ist, desto größer ist der Vorteil. Die Folge: Die besten Teilnehmer im Feld werden mitunter von solchen mit hoher Startnummer überholt – Volkswirte sprechen vom „Reihenfolgeeffekt“.

Eine niederländische Forschergruppe um den Groninger VWL-Professor Marco Haan hat ihn am Beispiel des Eurovision Song Contests herausgearbeitet: Bands, die spät auftraten, schnitten in den vergangenen 50 Jahren zwölf Prozent besser ab als die ersten Starter.

All das ist nicht nur bitter für die Verlierer – aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive ist es auch ineffizient. Schließlich wird es in der Regel nicht zu dem Resultat kommen, das den größtmöglichen Vorteil für alle Beteiligten bringt. Durch den Reihenfolgeeffekt werde sozusagen Wohlfahrt verschenkt, sagt Marco Haan.

Das mag bei Veranstaltungen wie dem Song Contest noch zu verschmerzen sein. Aber es kann drastische Folgen haben, wenn es im wahren Wirtschaftsleben geschieht: Etwa, wenn Unternehmen durch Reihenfolgeeffekte bei Vorstellungsgesprächen systematisch verzerrte Personalentscheidungen treffen. Oder wenn eine politische Partei vor Wahlen die Plätze auf ihrer Landtagsliste vergibt und sich mehrere Kandidaten vorstellen.

Eigentlich sollte bei Wettbewerben dieser Art allein die Qualität entscheiden und niemand von vornherein schlechtere Chancen haben – doch genau das ist der Fall, wie ein halbes Dutzend Studien über das Abstimmungsverhalten bei Sport- und TV-Events zeigt: Die Reihenfolge hat oft erheblichen Einfluss auf unsere Urteile. „Schlaue Firmen können Effekte wie diese ausnutzen“, sagt Marco Haan. Ein Forscherteam aus Irland befragte in einem Experiment knapp 500 Probanden, ob sie lieber eine bessere Vorsorge gegen Herzinfarkte oder gegen Krebserkrankungen hätten. Das Ergebnis: Die Präferenzen hingen stark von der Reihenfolge ab, in der die Forscher die Vorsorgeprogramme vorgestellt hatten.

„Verzerrungen der Rangfolge, die nichts mit der Qualität der Teilnehmer zu tun haben, können den späteren wirtschaftlichen Erfolg stark beeinflussen“, schreiben Victor Ginsburgh (Freie Universität Brüssel) und Jan van Ours (Universität Tilburg) in einer Studie über den internationalen Königin-Elisabeth-Klavier-Wettbewerb, an dem alle vier Jahre zwölf Nachwuchspianisten teilnehmen. Die Forscher stellten fest: Wer beim Wettbewerb gut abschneidet, kann später viele Platten aufnehmen und bekommt gute Kritiken – die Verlierer dagegen sind praktisch komplett aus dem Rennen.

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