Rezession
Wunderwaffe Kurzarbeit

Lange verschmäht, jetzt gefeiert: Staatlich geförderte Arbeitszeitverkürzungen haben in der Krise Hunderttausende Jobs gerettet. Arbeitmarktforscher untersuchen die Wirkungen der verübergehenden staatlichen Subentionen für Arbeitsplätze.
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DüsseldorfHilmar Schneider ist einer der renommiertesten Arbeitsmarktexperten des Landes, und im April 2009 schlug er Alarm. Die Kurzarbeit laufe aus dem Ruder, warnte der Experte des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). Sie drohe "nutzlos und teuer" zu werden.

Welch ein Irrtum! Knappe zwei Jahre später zeigt sich immer mehr: Gerade der Kurzarbeit ist es zu verdanken, dass der Arbeitsmarkt in Deutschland so gut wie in kaum einem anderen Industrieland durch die Krise gekommen ist. Viele Arbeitsmarktforscher hielten staatliche Subventionen für vorübergehendes Nichtstun für antiquiert und überflüssig. Doch in der tiefsten Rezession seit der Großen Depression hat die Kurzarbeit eine überraschende Renaissance erlebt - und hat sich zum internationalen Exportschlager entwickelt.

Und das zu Recht, wie Ökonomen in mehreren neuen Studien zeigen. Länder, in denen die Regierungen konsequent die vorübergehende Arbeitszeitverkürzung in Unternehmen gefördert haben, blieben in der Krise von großen Entlassungswellen verschont und profitieren auch im Aufschwung mehr.

235000 Jobs blieben erhalten

Ein Beleg dafür ist eine aufwendige Studie der OECD-Ökonomen Danielle Venn und Alexander Hijzen, die 19 OECD-Länder unter die Lupe genommen haben ("The Role of Short-Time Work Schemes during the 2008-09 Recession") l. Mit einem komplizierten Rechenverfahren, in das die Zahl der subventionierten Freizeitstunden und Schätzungen zur Zielgenauigkeit der Subventionen eingingen, stellten sie fest: An der Spitze der Profiteure stehen Japan und Deutschland mit 416000 beziehungsweise 235000 geretteten Jobs, was jeweils fast einem Prozent der Arbeitskräfte entspricht.

Länder wie Österreich oder Portugal, die das Instrument zögerlich einsetzten, konnten dagegen nur wenige Tausend Stellen sichern. Die Gewinner sind vor allem Vollzeitkräfte, Teilzeitbeschäftigte konnten nicht nennenswert profitieren. "Insgesamt hatte Kurzarbeit eine ökonomisch wichtige Wirkung für den Beschäftigungserhalt", bilanzieren die Autoren. Der entscheidende Vorteil ist: Die vorübergehenden Lohnsubventionen ermöglichten es den Unternehmen, in der Krise die Luft anzuhalten und den Nachfrageeinbruch auszusitzen.

Und das Instrument war vergleichsweise preisgünstig: Jeder in Deutschland durch Kurzarbeit gerettete Job hat die öffentliche Hand nur rund 16600 Euro gekostet, hat Lutz Bellmann, Volkswirtschaftsprofessor an der Universität Erlangen, ausgerechnet. Ein Arbeitsloser kostet die Bundesagentur schon nach wenigen Monaten deutlich mehr. Einen weiteren Vorteil hat die Kurzarbeit, wenn die Krise vorbei ist: Dann sparen sich die Unternehmen die Kosten und Mühe, erst nach adäquaten Fachkräften zu fahnden.

Der Ländervergleich der OECD-Forscher Venn und Hijzen zeigt, dass die Regierungen die Kurzarbeit unterschiedlich regeln: In einigen Ländern können Unternehmen die Arbeitszeiten um maximal die Hälfte reduzieren, in anderen - wie Deutschland - dürfen Arbeitnehmer im Zweifel auch ganz zu Hause bleiben. Mancherorts laufen die Programme nur drei Monate, anderswo über zwei Jahre. Das optimale Konzept gebe es nicht, sagt OECD-Ökonom Hijzen. "Viel hängt vom Ausmaß und von der Dauer der Krise ab." Entscheidend sei, dass Unternehmen die Kurzarbeit in der Rezession möglichst schnell einführen können. Die Voraussetzung dafür sei ein bestehendes Kurzarbeitsmodell, auf das die Arbeitgeber in schlechten Zeiten sofort zurückgreifen können.

Die positiven Erfahrungen mit der Kurzarbeit unterstreichen, dass die modelltheoretisch begründeten Argumente von Arbeitsmarktforschern häufig an der Realität vorbeigehen. Die größte Sorge von Ökonomen vor der jüngsten Krise waren Mitnahmeeffekte: Unternehmen könnten Subventionen für Jobs einstreichen, die sie eigentlich gar nicht abbauen wollen. Zudem hielten es die Volkswirte für gefährlich, unproduktive Jobs künstlich zu erhalten - das könnte den Strukturwandel behindern und die wirtschaftliche Dynamik lähmen.

Tatsächlich jedoch wurden solche Nebenwirkungen in der jüngsten Krise von den positiven Auswirkungen in den Schatten gestellt. Laut OECD-Forscher Hijzen genügten dafür zwei einfache Vorschriften. Zum einen pochten die meisten Regierungen darauf, dass Unternehmen ihre ökonomische Bedürftigkeit nachweisen mussten, bevor die Gelder flossen. Zum anderen waren die Subventionen zeitlich mehr oder weniger eng begrenzt.

Neben ihren direkten ökonomischen Effekten hat die Kurzarbeit in der Krise auch enorme positive psychologische Wirkungen gehabt, ist IAB-Direktor Joachim Möller überzeugt. Denn hätten die ersten Unternehmen angefangen, im großen Stil Personal auf die Straße zu setzen, wäre eine Entlassungswelle nicht mehr zu stoppen gewesen. Die schnell greifenden Kurzarbeitsregelungen hätten zusammen mit flexiblen Arbeitszeitkonten ein "Herdenverhalten" verhindert.

Allerdings war auch der besondere Charakter der letzten Rezession ein Grund dafür, dass die Kurzarbeit so gut gewirkt hat. Hätte es sich nicht um eine Konjunktur-, sondern um eine Strukturkrise gehandelt, wie sie zum Beispiel das Ruhrgebiet seit Jahrzehnten mit Blick auf Kohle und Schwerindustrie erlebt, wäre das Instrument wirkungslos gewesen.

IAB-Chef Möller argumentiert zudem: Vor allem die großen, exportstarken Unternehmen waren von der jüngsten Krise betroffen. Weil diese Betriebe schon länger Probleme hatten, Fachkräfte zu finden, hätten sie in der Krise versucht, ihre Mitarbeiter zu halten. Hätte der Abschwung länger gedauert oder wären die Firmen nicht in so guter Verfassung gewesen, hätte sich eine Entlassungswelle nicht verhindern lassen.

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