Richtungsentscheidung
Wirtschaftswissenschaften: nobles Rätselraten

Die Finanzkrise ist auch eine Krise der Wirtschaftswissenschaft - am heutigen Montag zeigt sich, wie das Nobelpreiskomitee damit umgeht. Darum ist die Spannung in diesem Jahr so groß wie kaum jemals zuvor. Und viele Namen kursieren beim noblen Rätselraten.

DÜSSELDORF. Sie sind männlich, deutlich älter als 65 und haben wissenschaftlich ihre besten Jahre schon lange hinter sich - die meisten der 68 bisherigen Ökonomie-Nobelpreisträger passen in dieses Schema. Heute verkündet die schwedische Akademie der Wissenschaften, wer die mit rund einer Million Euro dotierte Auszeichnung in diesem Jahr erhält. Seit 1969 stiftet die schwedische Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel diesen Preis.

Selten aber war die Spannung im Vorfeld so groß wie in diesem Jahr. Denn die Volkswirtschaftslehre ist durch die Finanzkrise massiv in die Kritik geraten. Viele noch bis vor kurzem allgemein akzeptierte Theorien sind diskreditiert - unter anderem die These von effizienten Märkten. Deren Schöpfer Eugene Fama galt lange als Favorit auf den Preis, und britische Wettbüros handeln ihn auch in diesem Jahr als heißen Kandidaten.

Wird das Auswahlkomitee auf die Krise von Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaft eingehen? Werden unkonventionelle Disziplinen wie die Fairness-Forschung oder die Glücksökonomie aufgewertet?

Fakt ist, dass die Entscheidungen aus Stockholm stets ein wissenschaftspolitisches Signal sind - und auch sein sollen. "Wir wollen, dass der Preis aktuell ist und Einfluss darauf hat, was in der ökonomischen Profession als wichtig angesehen wird", sagte der Stockholmer Finance-Professor und Vorsitzende des Auswahlgremiums für den Ökonomie-Nobelpreis, Peter Englund, 2006 dem Handelsblatt. So denke das Gremium zum Beispiel über einen Preis für Umweltökonomie nach. Englund: "Es handelt sich um ein Gebiet, das sehr wichtig ist - und das zeigt: Ökonomen kümmern sich um zentrale Probleme des menschlichen Lebens." Dazu passt, dass der Informationsdienstleister Reuters Thomson die Umweltökonomen William Nordhaus und Martin Weitzman als mögliche Preisträger sieht.

In gewissen Grenzen kann das Nobelpreis-Komitee die Richtung, die die Wirtschaftswissenschaft nimmt, beeinflussen. So werteten die Preise für Milton Friedman, Gary Becker, George Stigler, Franco Modigliani, Robert Lucas und andere die neoklassische Denkschule deutlich auf. Auch die Spieltheorie erhielt nach den Preisen an John Harsanyi, John Nash und Reinhard Selten viel Auftrieb - ebenso wie die verhaltensorientierte Wirtschaftsforschung nach den Auszeichnungen für David Kahneman und Vernon Smith.

Wegen des großen Einflusses ist die Angst vor Fehlentscheidungen im Auswahlkomitee groß. "Wir wollen vermeiden, dass wir etwas prämieren, was sich später als unwichtig oder sogar falsch herausstellt", so Englund. Dieses Vorsichtsprinzip führt dazu, dass oft Jahrzehnte vergehen, bis eine bahnbrechende Arbeit ausgezeichnet wird. Die handelstheoretischen Arbeiten von Paul Krugman, die ihm 2008 den Preis einbrachten, waren Ende der 70er-Jahre erschienen. Edmund Phelps' Arbeiten zum Zusammenhang von Inflation und Arbeitslosigkeit waren fast 40 Jahre alt, als er dafür 2006 die Auszeichnung erhielt.

In der jüngeren Vergangenheit hat die schwedische Akademie der Wissenschaften Ökonomen zudem immer häufiger für methodische Innovationen ausgezeichnet. Nicht selten war die Forschung der Laureaten so abstrakt, dass die Preisträger außerhalb der Fachzirkel unbekannt waren.

So schwer die Finanzkrise dem Auswahlgremium kurzfristig die Entscheidung über den Nobelpreis auch macht - mittel- bis langfristig dürfte die Disziplin von der größten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression profitieren. Das zumindest legt eine Analyse der Biografien bisheriger Ökonomie-Nobelpreisträger des US-Forschers Barry Hirsch nahe.

Der Professor an der Georgia State University hat 23 autobiografische Essays von Ökonomie-Nobelpreisträgern ausgewertet und festgestellt: Vor allem die erste Generation der Laureaten war stark durch die Große Depression motiviert. Die aktuelle Krise dürfte daher künftig eine ganz neue Generation von Ökonomen hervorbringen - die Nobelpreisträger der Zukunft.

Das Auswahlverfahren für den weltweit mit Abstand renommiertesten Ökonomenpreis ist langwierig und komplex - auch weil das Auswahlgremium komplett auf E-Mail-Kommunikation verzichtet. Die Korrespondenz findet per Briefpost oder Kurierdienst statt. Zu groß erscheint den Professoren das Risiko, aus Versehen eine vertrauliche Mail an einen falschen Adressaten weiterzuleiten.

Die Suche nach dem Preisträger beginnt ein Jahr im Voraus: Jeden Oktober bittet das achtköpfige Auswahlkomitee rund 2000 Wirtschaftswissenschaftler in aller Welt um Vorschläge für potenzielle Preisträger. Vorschlagsberechtigt sind die bisherigen Preisträger sowie sämtliche Ökonomie-Professoren Skandinaviens. Auch führende Volkswirte und VWL-Fakultäten werden um Nominierungen gebeten.

Parallel dazu lässt sich das Auswahlkomitee von weltweit führenden Volkswirten Dossiers anlegen über wichtige Fachrichtungen sowie über einzelne Forscher. "Wir diskutieren kontinuierlich, was preiswürdige Leistungen sind und was nicht", sagt Englund.

Jeweils zu Jahresbeginn wird der Kreis der Anwärter kleiner. "Wir fangen mit einer langen Liste an, die im Laufe der Monate immer kürzer wird", berichtet Englund. Vor dem Sommer übermittelt das Gremium der Wissenschaftsakademie eine Shortlist, über die in einem zweistufigen Verfahren im August und September entschieden wird.

Die Akademie ist an die Vorschläge des Auswahlgremiums nicht gebunden. Sie kann einen anderen Preisträger küren oder sich theoretisch auch komplett gegen die Vergabe des Preises aussprechen - was bislang noch nie passiert ist. Politische oder strategische Überlegungen spielen bei der Entscheidung keine Rolle, versichert Englund. "Im Auswahlkomitee stellen wir uns nur eine Frage: Was sind die wichtigsten und einflussreichsten wissenschaftlichen Arbeiten?" Allerdings seien die Antworten darauf ab einem bestimmten Punkt "auch ein bisschen Geschmackssache", räumt Englund ein - und mitunter abhängig vom jeweiligen Zeitgeist.

Nobles Rätselraten

Seit 1989 versucht der Informationsdienstleister Thomson Reuters, die nächsten Nobelpreisträger vorherzusagen - und liegt dabei immer wieder richtig. Als heiße Kandidaten sieht Thomson Reuters in diesem Jahr:

Ernst Fehr: Der Züricher Experimentalökonom hat sich mit zahlreichen Arbeiten rund um das Thema Fairness einen Namen gemacht. Er zeigte: Menschen sind weit weniger egoistisch, als Ökonomen traditionell annehmen.

Matthew Rabin: Der Berkeley-Professor ist ebenfalls einer der führenden verhaltensorientierten Wirtschaftsforscher, der viel zu Selbstkontroll-Problemen und Fairness geforscht hat.

William Nordhaus: Der Yale-Professor hat sich als einer der ersten Volkswirte mit dem Klimawandel beschäftigt und grundlegende Modelle entwickelt.

Martin Weitzman: Der Harvard-Professor ist ebenfalls einer der führenden Ökonomen auf dem Gebiet des Klimawandels.

John Taylor: Der Princeton-Professor ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Geldpolitik und hat viel darüber geforscht, wie optimale Zinspolitik von Notenbanken aussehen sollte.

Jordi Galí: Der zu den führenden neukeynesianischen Makroökonomen zählende Forscher von der Universität Pompeo Fabra in Barcelona arbeitet zur Wirkung von Fiskal- und Geldpolitik.

Mark Gertler: Der New Yorker Professor forscht über Konjunkturzyklen, Geldpolitik und Blasen auf den Finanzmärkten. Er hat viel gemeinsam mit Fed-Chef Ben Bernanke publiziert.

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