Ruhestandsrisiko
Früh in Rente, früh ins Grab

Vorsicht vor dem Vorruhestand: Wer jung aus dem Arbeitsleben ausscheidet, stirbt oft auch eher. Ökonomen bestätigen damit die Formel "Wer rastet, der rostet." Denn je früher sich ein Mensch zur Ruhe setzt, desto früher beginnt auch sein körperlicher und geistiger Verfall.
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LONDON. Irgendwann muss auch mal Schluss sein. Das dachte sich die Harvard-Universität 1990 und schickte Thomas Schelling in Rente. 69 Jahre war der Ökonom damals alt - und hatte keine Lust auf den Ruhestand. Schelling wechselte an die University of Maryland, die keine Altersbeschränkung für Professoren hat. Dort forscht der Ökonomie-Nobelpreisträger des Jahres 2005 bis heute.

Eine gute Entscheidung - das legt eine Reihe von Studien nahe. Denn je eher ein Mensch sich zur Ruhe setzt, desto eher beginnt sein körperlicher und geistiger Verfall. Nicht wenige Männer bezahlen einen frühen Rentenbeginn gar mit ihrem Leben, weil sich dann die Lebensweise ändert, zeigen die Arbeiten von Ökonomen. Pensionäre leben passiver, ihr Gehirn wird nicht mehr genug gefordert und lässt nach. Zudem macht manchen Rentnern zu schaffen, dass sie nicht mehr gebraucht werden. Den Frust bekämpfen viele mit Alkohol und Zigaretten, was das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht. Dies gilt aber nur für Männer - vor allem, wenn sie gegen ihren Willen in Frührente geschickt werden.

Die Forschungsergebnisse relativieren die Sorgen vieler Menschen vor einer längeren Lebensarbeitszeit. In Frankreich haben Proteste gegen eine Verschiebung des Renteneintrittsalters von 60 auf 62 Jahre wochenlang das Land lahmgelegt. Körperlich hart arbeitenden Menschen, so ein zentrales Gegenargument der Demonstranten, sei ein späterer Rentenbeginn nicht zumutbar. Dies stellen Volkswirte der Universität Zürich jetzt infrage. "Wir finden keinerlei Belege dafür, dass es für Industriearbeiter aus gesundheitlichen Gründen gut ist, früh in den Ruhestand zu gehen", sagt Andreas Kuhn, einer der Autoren der Studie "Fatal Attraction? Access to Early Retirement and Mortality". Tatsächlich sei das Gegenteil der Fall: Wer früher in Rente gehe, sterbe früher.

Grundlage der Arbeit sind detaillierte Daten aus Österreich. Diese ermöglichen es den Forschern, Ursache und Wirkung bei dem Zusammenhang von Renteneintritt und Gesundheit sauber zu trennen. Das ist normalerweise kaum möglich. Wie soll man erkennen, ob jemand nicht deshalb in den Vorruhestand geht, weil er krank ist? Dieses Problem konnten die Züricher Forscher umschiffen. Sie werteten Daten eines Vorruhestandsprogramms aus, das von 1988 bis 1993 in Österreich den Niedergang der Schwerindustrie abfedern sollte. Industriearbeiter konnten sich ohne große Einkommensverluste mit 55 zur Ruhe setzen. Der für die Forscher entscheidende Clou: Das Programm galt nur in bestimmten Landstrichen. "Diese regionalen Unterschiede nutzen wir aus", sagt Kuhn.

Die Ökonomen analysierten die Lebenserwartung von Beschäftigten, die zwischen 1929 und 1941 geboren wurden und in Landesteilen lebten, in denen das Programm galt. Als Vergleichsgruppe zogen sie gleich alte Arbeitnehmer aus anderen Regionen heran. Die Wissenschaftler kannten die detaillierte Erwerbsbiografie, die Einkommensverhältnisse und das Datum des Rentenbeginns von fast 21 000 Österreichern. Zudem wussten sie, wer in dem Zeitraum bis 2008 wann gestorben ist. Kuhn: "Alle Personen waren Industriearbeiter, die körperlich anstrengende Jobs hatten."

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  • Mann, endlich was zum Lachen!
    Erstaunliches, was da so neben dem inhalt des Artikels steht: Studie von SCHWEiTZERN über ihre Nachbarn, die ÖSTERREiCHER.
    War mir irgendwie schon immer klar, dass von dort so manches kommt, nicht nur der Schmäh!

  • Da stimme ich dem Kommentar von aruba voll zu. Der Artikel steht ja nicht umsonst unter der Rubrik "Politik". Außer dass die Politik diese Meldung gezielt in den Medien platziert, hat sie nicht unbedingt viel mit Politik zu tun. Die unterschwellige Nachricht lautet: "Wer in den wohlverdienten Ruhestand geht und nur noch Rente bezieht ohne zu arbeiten, ist ein Schmarotzer und wird zur Strafe schnell sterben." Gezielte Propaganda. Es ist ja bekannt, dass die Geburtenzahlen immer weiter rückläufig sind. Unter den zur Zeit noch nachwachsenden aber aussterbenden Generationen gibt es keine Menschen mehr, die bereit sind für immer weniger Geld unter immer schlechteren bedingungen zu arbeiten. Den Reichen und bossen gehen die Sklaven aus. So sollen die Alten also möglichst lange als Arbeitskraft erhalten bleiben.

  • Es ist wissenschaftstheoretisch völlig absurd, aus dem sehr spezifischen Studienergebnis allgemein gültige Aussagen zum Verhältnis von Renteneintrittsalter und Mortalität abzuleiten, wie es in diesem Artikel geschieht. Mag es durchaus gewisse geschilderte Regelmäßigkeiten bei Frühverrentungen von Schwerarbeitern einer gewissen Alterskohorte in einer bestimmten Sparte geben, so ist mitnichten gesagt und intuitiv auch überaus fraglich, dass Ähnliches sich auch in anderem Kontext (insbesondere vor dem Hintergrund anderer bildungsniveaus oder Geschlechterunterschiede) beobachten lässt. Die Absicht, welche der Artikel mit einer solch undifferenzierten Verallgemeinerung "Früh in Rente, früh ins Grab" verfolgt, ist freilich offensichtlich.

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