Seeräuber
Die Ökonomie der Piraten

„Seeräuber reagierten wie alle Individuen auf Anreize“. Der amerikanische Volkswirt Peter Leeson erforscht die Seeräuber des 17. und 18. Jahrhunderts – und räumt mit vielen Vorurteilen auf. Warum es für Piraten durchaus Sinn macht, ein anarchisches System gegenüber einer Regierung vorzuziehen.
  • 0

DÜSSELDORF. Peter Leeson war ein ganz normales Kind. Wie die meisten Jungen zwischen drei und fünf war er von Piraten fasziniert. Heute, rund zweieinhalb Jahrzehnte später, ist Leeson Professor für Volkswirtschaftslehre – und fällt in der Zunft aus der Reihe. Denn sein Faible für Piraten hat er sich bis heute erhalten.

Seit Jahren forscht Leeson über die Ökonomie der Seeräuber des 17. und 18. Jahrhunderts. Wissenschaftlich hat er es damit weit gebracht: Mehrere internationale Fachzeitschriften, darunter das angesehene „Journal of Political Economy“, haben seine Fachaufsätze über die Piraterie veröffentlicht. Im renommierten Wissenschaftsverlag Princeton University Press erschien jüngst ein Fachbuch von Leeson mit dem Titel „The Invisible Hook“.

Leesons Grundthese ist: So gesetzlos die Seeräuber des späten Mittelalters auch waren – ihre interne Organisation und ihr Verhalten folgten einer stringenten ökonomischen Logik. Vieles, was auf den ersten Blick nach irrationalem Verhalten aussehe, sei vor dem Hintergrund der Theorie rationaler Entscheidungen betrachtet vernünftig und nachvollziehbar.

„Wie alle Individuen reagierten Piraten auf Anreize“, fasst Leeson seine Arbeit zusammen. „Bei der Produktion ihrer Piratengüter – also ihrer Beute – haben sie den Nutzen maximiert und ihre Kosten gesenkt.“ Im Grunde seien die Piratenschiffe des 17. und 18. Jahrhunderts wie mittelständische Unternehmen organisiert gewesen, argumentiert Leeson – geleitet von dem Bestreben, ihren Gewinn zu maximieren.

Aus dieser Perspektive betrachtet war der schlechte Ruf, den Piraten damals genossen, Teil der Geschäftsstrategie: Weil sie so viel Angst und Schrecken verbreiteten, ergaben sich viele Handelsschiffe kampflos, was den Piraten ihre Arbeit deutlich erleichterte – schließlich war das Verletzungsrisiko dadurch geringer. Daher war es für die Piraten auch sinnvoll, vor einem Angriff auf ein Handelsschiff die Totenkopf-Flagge zu hissen.

In mancher Hinsicht seien die Seeräuber ihrer Zeit sogar voraus gewesen, schildert Leeson. So habe es auf vielen Schiffen eine Art Invalidenversicherung gegeben: Wer beim Kapern eines Schiffes einen Arm oder ein Bein verlor, bekam einen Extraanteil der Beute. Schon, wer nur einen einzigen Finger verlor, bekam eine Entschädigung.

Mancher Invalide lebte laut Leeson noch jahrelang auf dem Piratenschiff und wurde von den anderen mitversorgt. Nicht soziale Motive seien dafür die Motivation gewesen, sondern die Maximierung des Gewinns, sagt Leeson: Wer wusste, dass er als Invalide nicht ins Bodenlose fallen würde, zog einfach beherzter in den Kampf.

Ähnlich kühle Kosten-Nutzen-Überlegungen hätten dazu geführt, dass auf den Piratenschiffen Schwarze und Weiße zu einem Zeitpunkt gleichberechtigt waren, als in den vermeintlich zivilisierten Ländern noch die Sklaverei herrschte. Etwa ein Viertel der Besatzung bestand aus ehemaligen Sklaven. Dabei waren Piraten nicht weniger rassistisch als ihre Zeitgenossen auf dem Festland. Doch sie hatten erkannt: Befreite Sklaven waren der Sache treu ergeben – aus Mangel an Alternativen.

Seite 1:

Die Ökonomie der Piraten

Seite 2:

Seite 3:

Kommentare zu " Seeräuber: Die Ökonomie der Piraten"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%