Serie: Die klügsten Köpfe der BWL
Finanzmarkt-Psychologe der ersten Stunde

Der Mannheimer BWL-Professor Martin Weber forschte schon über „Behavioral Finance“, bevor es diesen Begriff überhaupt gab.

MANNHEIM. An einem Frühlingstag vor 15 Jahren trafen sich drei frisch berufene, ehrgeizige Professoren der Betriebswirtschaftslehre in der Kieler Universitätsmensa zu einem vertraulichen Mittagessen mit weit reichenden Folgen. Sie berieten, was einen wissenschaftlich richtig guten Betriebswirt ausmacht. Schnell waren sich die drei einig: Zwei Aufsätze in guten internationalen Fachzeitschriften pro Jahr sollten es sein und mindestens alle zwei Jahre eine Publikation in einem der allerbesten Journale. Für die deutsche Betriebswirtschaftslehre der frühen neunziger Jahre waren das fast umstürzlerische Gedanken. Damals galt es in der Zunft fast noch als unfein, betriebswirtschaftliche Forschungsarbeiten nicht auf Deutsch und nicht in einer deutschen Zeitschrift zu publizieren.

Neben Andreas Drexl und Sönke Albers saß damals in Kiel Martin Weber am Mensa-Tisch. Wie seine einstigen beiden Kollegen hat der heute 53-jährige, der im Jahr 1993 von Kiel zur Universität Mannheim wechselte, die selbst gesetzte Messlatte längst übersprungen. Mit seiner Publikationsleistung der letzten zehn Jahre rangiert er auf Rang drei der Handelsblatt-Rangliste der deutschen Betriebswirte. Mit Drexl und Albers, die in Kiel blieben, bildet Weber das Triumvirat der über fünfzigjährigen Wissenschaftler unter den Top Ten. Kaum ein anderer Angehöriger der deutschen BWL-Elite ist dagegen deutlich älter als 40 Jahre.

Dabei dachte Weber zunächst gar nicht daran, Betriebswirt zu werden. Er studierte Mathematik in Aachen, setzte dann noch ein Diplom in Wirtschaftsmathematik drauf und wechselte erst für seine Promotion zur BWL – Mathematik alleine fing an, ihn zu langweilen.

So zufällig Weber zur BWL kam, so gezielt hat er sich seine Forschungsrichtung ausgewählt. Er suchte ein Anwendungsgebiet für eine 1980 noch junge und revolutionäre Theorie, die ihn faszinierte: die Prospekttheorie der Psychologen Kahneman und Tversky, für die Kahneman 2002 den Ökonomie-Nobelpreis erhielt.

Wenn Weber über Amos Tversky spricht, der sechs Jahre vor der Nobelpreisverleihung an Kahneman starb, kommt der sonst so gelassene und zurückhaltende gebürtige Schwabe ins Schwärmen. „Der war so brillant, da macht man sich keine Vorstellung.“ Ein halbes Jahr lang hatte Weber 1991 das Privileg, in Tverskys Nachbarzimmer in Stanford zu forschen. Die Einladung für den jungen BWL-Professor nach Kalifornien kam nicht von ungefähr. Weber widmete sich bereits in seiner Doktorarbeit der Entscheidungstheorie. Mit seiner 1988 fertig gestellten Habilitationsschrift wandte er diese auf die Kapitalmärkte an und wurde damit zu einem der Pioniere der Forschungsrichtung „Behavioral Finance“ – zu einer Zeit, als dieser Gattungsbegriff noch nicht existierte. „In Amerika habe ich die Rigorosität des Denkens gelernt, die für gute Forschung nötig ist“, sagt Weber heute.

Die Prospekt-Theorie, die Weber so faszinierte, postuliert: Die in der ökonomischen Theorie übliche Nutzenfunktion mit dem stetig abnehmenden Grenznutzen ist ein weltfremdes theoretisches Konstrukt. Stattdessen hängen die tatsächlichen Nutzeneinschätzungen der Menschen von einem – manchmal recht willkürlichen – Referenzpunkt ab, von dem aus Individuen Gewinne und Verluste unterschiedlich bewerten. Zahlreiche Experimente haben seither immer wieder nachgewiesen, dass Verluste typischerweise viel stärker wiegen als Gewinne in gleicher Höhe.

Weber untersucht empirisch, wie sich Investoren an den Kapitalmärkten tatsächlich verhalten – und vergleicht diese Ergebnisse damit, wie sie sich optimal verhalten sollten. Dabei stellt sich immer wieder heraus: Die Verlustaversion in Bezug auf eigentlich irrelevante Referenzpunkte wie etwa den Einkaufspreis ist ein wichtiger Faktor, der Investoren immer wieder die Performance verhagelt.

Doch beschränkt sich Weber nicht auf die „Behavioral Finance“. Er nutzt seine Mathematik-Expertise auch, um schwierige Fragen im Zusammenhang mit Risiken am Finanzmarkt zu klären, etwa bei der Ausübung von Optionen. Auch wie Ratingsysteme nach den neuen Bankkapitalstandards Basel II aussehen sollten, hat er schon untersucht.

Unter Kollegen ist Weber für seine direkte, mitunter etwas schroff wirkende Art bekannt. „Er ist sehr verlässlich und geradlinig“, sagt sein ehemaliger Kieler Fakultätskollege Andreas Drexl. „Martin Weber kommt immer direkt auf den Punkt. Wer ihn nicht kennt, findet es vielleicht nicht immer ganz einfach, damit umzugehen.“

Als Workaholic möchte sich Weber auf keinen Fall bezeichnen lassen. „Selbstverständlich haben wir hier alle keine 40-Stunden-Woche“, sagt er mit dem für ihn typischen Understatement. Aber der dreifache Vater hat dennoch klare Prioritäten: „Für meine Familie habe ich immer Zeit, die ist schließlich das Wichtigste.“

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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