Serie: Jugend forscht
Monika Piazzesi - Keine Angst vor großen Fragen

In der VWL findet ein Generationswechsel statt. Wir stellen die neuen Köpfe vor. Heute: Monika Piazzesi, deutsche Makro-Ökonomin an der US-Eliteuni Stanford.
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STANFORD. Um eines brauche sich hier in Stanford keiner Sorgen zu machen, sagt die Dame aus der Uni-Verwaltung, die der neuen Professorin bei der Suche nach einem neuen Zuhause helfen soll. „Die Immobilienpreise, die steigen hier immer.“

Wahrscheinlich ist Monika Piazzesi in diesem Frühsommer 2008 die erste Gesprächspartnerin überhaupt, die zu widersprechen wagt. „Moment mal“, erwidert die junge Ökonomin, „warum sind Sie sich da so sicher? Ich forsche zum Thema Hauspreise. Und es gibt überhaupt keinen Grund dafür, dass die nur steigen.“

Was folgt, ist eine längere Diskussion zwischen den beiden Frauen. Richtig überzeugen kann Piazzesi nicht. Das übernehmen die Fakten einige Monate später: Seit Herbst vergangenen Jahres ist die US-Immobilienkrise auch im Silicon Valley angekommen und lässt die Hauspreise in Stanford und Umgebung fallen.

Typisch Monika Piazzesi. Mit einfachen Wahrheiten gibt sich die deutsche Volkswirtin nicht zufrieden. Sie stellt auch Dinge infrage, die alle anderen als selbstverständlich hinnehmen. Das ist einer der Gründe für ihre steile wissenschaftliche Karriere.

Ihre Arbeiten erscheinen regelmäßig in den anspruchsvollsten Fachzeitschriften der Welt, derzeit ist sie selbst Mitherausgeberin des „Journal of Political Economy“. Beim National Bureau of Economic Research – einem legendären Think-Tank, bei dem es eine große Ehre ist, überhaupt dazuzugehören – leitet sie eine Forschergruppe zum Thema Vermögenspreise. Sie hatte eine Lebenszeit-Stelle an der University of Chicago, bevor Stanford sie 2008 abwarb. Dort hat sie ihr Büro direkt neben dem von Nobelpreisträger Ken Arrow.

Zu Kopf gestiegen ist ihr all der Erfolg aber nicht. Besucher, die für die Parkuhren auf dem Uni-Campus nicht genug Kleingeld dabeihaben, begleitet Piazzesi schon mal persönlich zurück zum Wagen, um eigenhändig einen Berg von Münzen in den Automaten zu stopfen.

Abends, in ihrer Freizeit, veranstaltet sie ein freiwilliges Seminar, in dem sie mit Doktoranden über aktuelle Forschung diskutiert. „Das ist die beste Reading Group, die ich je hatte“, berichtet ein Stanford-Student. Und über kaum etwas, erzählt Piazzesi selbst, habe sie sich so gefreut wie darüber, dass neulich der erste von ihr komplett betreute Doktorand direkt einen Job beim renommierten Massachusetts Institute of Technology bekam. „Das war einfach ein bombastisches Gefühl“, erzählt sie.

Wissenschaftlich sind es die großen Fragen der Makroökonomie, die Monika Piazzesi reizen – und die Schnittstelle zwischen den Finanzmärkten, der Geldpolitik und der Realwirtschaft. Wie beeinflusst Geldpolitik die Konjunktur? Wie bilden sich langfristige Zinsen? Wovon hängen Aktienkurse ab? Dass es längst nicht immer überzeugende Antworten gibt, sondern vielfach unbefriedigende Erklärungen, das betrachtet sie als „riesige Chance“. Schließlich bedeute das doch vor allem, dass es noch viel Raum für neue Forschung gebe. „Viele wichtige Fragen in der Makroökonomie sind noch zu wenig erforscht“, sagt sie. Piazzesi selbst hat untersucht, was die Zinsstruktur-Kurve über das Wirtschaftswachstum aussagt, wie sich Spekulationsblasen auf Immobilienmärkten bilden und wie Hauspreise und privater Konsum zusammenhängen.

Davon, dass makroökonomische Modelle oft sehr vereinfacht und abstrakt sind, dürfe man sich nicht abschrecken lassen. „Letztlich ist jedes Modell falsch, das liegt in der Natur der Sache“, erklärt sie. Aber die Wirklichkeit sei nun einmal so komplex, dass man sie ohne Vereinfachungen analytisch nicht in den Griff bekommen könne. „Während des Studiums“, gibt sie zu, „hatte ich aber auch einige Durststrecken. Ich hatte das Gefühl, abstrakte Modelle lernen zu müssen, ohne zu wissen, wozu man die gebrauchen kann.“

Zur Volkswirtschaftslehre gekommen ist Piazzesi nur aus Trotz. Am Gymnasium hatte sie einen Politik-Leistungskurs belegt, in dem auch ein kleines bisschen Wirtschaft vorkam – und dabei machte Piazzesi keine gute Figur. „Mein Lehrer meinte, ich könne alles studieren, nur nicht VWL“, erinnert sie sich. Das stachelte ihren Ehrgeiz an.

Der erste große Wurf gelang ihr mit ihrer Doktorarbeit. Piazzesi entwickelte ein formales Modell, das den Zusammenhang zwischen Leitzinsen, Realwirtschaft und langfristigen Zinsen auf dem Kapitalmarkt erklären sollte – und sich im Realitätstest als recht zuverlässig erwies. Dadurch wurden auch Investmentbanken auf sie aufmerksam, die ihr mehrfach Jobs anbot. Das habe ein Gefühl der Sicherheit gegeben für den Fall, dass es mit der Uni-Karriere nicht klappt. Aber die Wissenschaft war immer ihre erste Wahl.

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