Serie: "Jugend forscht"
Ulrike Malmendier - Im Rausch der Forschung

In der VWL findet ein Generationswechsel statt. Wir stellen die neuen Köpfe vor. Heute: Ulrike Malmendier, deutsche Professorin an der US-Eliteuni Berkeley. Die 35-jährige, in Bonn ausgebildete Ökonomin war auf dem Weg, eine exzellente Theoretikerin zu werden - bis sie in Harvard ihre Faszination für "Behavioral Economics" entdeckte.
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BERKELEY. Ulrike Malmendier weiß: Sie hat wenig Zeit für ihren Vortrag. Deshalb redet sie schnell, sehr schnell. Sie gestikuliert dabei viel mit den Händen, und wenn ihr ein Aspekt besonders wichtig ist, dann stürmt sie zur Leinwand und unterstreicht auf der Powerpoint-Folie die entscheidenden Worte mit dem Finger. Bis der Moderator dezent darauf hinweist, dass ihr nur noch eine Minute bleibt. Höchstens. „Oh, my God“, sagt sie, überspringt ein halbes Dutzend Folien und trägt den Rest noch schneller vor.

Um Subprime-Kredite geht es an diesem Sonntagnachmittag Anfang Januar auf der Jahrestagung der „American Economic Association“ (AEA) in San Francisco. Ulrike Malmendier redet aber nicht über ihre eigene Forschung. Sie kommentiert nur den Vortrag eines Kollegen. Jeder, der bei der AEA eine neue Studie präsentiert, bekommt einen „Discussant“ zur Seite gestellt. Meist macht der es sich leicht, fasst die Kernaussagen der Studie zusammen und kratzt ansonsten etwas an der Oberfläche herum.

Nicht so Ulrike Malmendier. Ganz tief hat sie sich in die Arbeit des Kollegen hineingedacht, hat eine Fülle von Verbesserungsvorschlägen entwickelt und trägt sie mit einer Verve vor, die viele ihrer Kollegen nicht mal bei der eigenen Arbeit an den Tag legen.

Typisch Malmendier. Halbe Sachen sind nichts für die 35-jährige Deutsche. Seit gut zwei Jahren hat sie eine unbefristete Professorenstelle an der amerikanischen Eliteuni Berkeley. Als die „New York Times“ 2007 US-Ökonomen befragte, auf welche Nachwuchsforscher man achten sollte, fiel Malmendiers Name oft.

Hauptgrund für die steile Karriere ist wahrscheinlich ihre enorme Begeisterungsfähigkeit. Natürlich, Malmendier ist extrem intelligent, kreativ, exzellent ausgebildet und ehrgeizig. Das aber sind auch viele ihrer Kollegen. Doch kaum jemand berauscht sich so sehr an der Forschung wie Malmendier. „Ich würde Geld dafür bezahlen, dass ich meinen Job machen darf“, sagt sie.

Das führt zu Ergebnissen, die Malmendier schon früh viel Renommee einbrachten. 2005 wies sie nach, dass viele Manager an Selbstüberschätzung leiden und dadurch systematisch Fehlentscheidungen treffen. Die Studie, die im „Journal of Finance“ erschien, begründete quasi einen ganz neuen Forschungszweig – empirisch hatte sich zuvor niemand mit der Selbstüberschätzung von Managern auseinandergesetzt.

Noch bekannter ist eine Arbeit, die sie 2006 im „American Economic Review“ veröffentlichte. Malmendier hatte Kundendaten von Fitnessstudios ausgewertet und festgestellt: Sehr viele Kunden entscheiden sich für die falschen Verträge. Fast alle wählten Jahresverträge, obwohl sie mit Zehner-Karten deutlich günstiger weggekommen wären. Das kratzte sehr am gängigen Bild vom rationalen Konsumenten, der stets optimale Entscheidungen trifft.

Die Frage, wie Menschen aus Fleisch und Blut entscheiden und welche Fehler sie dabei machen, zieht sich wie ein roter Faden durch Malmendiers Forschung – die 35-Jährige hat sich voll auf „Behavioral Economics“ spezialisiert. Überzeugte Theoretiker argwöhnen häufig, dass sich nur die Forscher auf verhaltensorientierte Wirtschaftsforschung konzentrieren, die schlecht in Mathematik sind und daher die abstrakten Modelle nicht verstehen. Auf Malmendier trifft dieser Vorwurf ganz sicher nicht zu – ihr VWL-Diplom hat sie im Theorie-Mekka Bonn gemacht, und bis heute ist sie dort ihren akademischen Lehrern als exzellente Studentin in Erinnerung.

„Als ich zur Promotion in die USA gegangen bin, war ich fest entschlossen, mich auf Vertragstheorie zu spezialisieren“, erzählt sie. Für Harvard entschied sie sich, weil dort Oliver Hart lehrt, einer der führenden Köpfe dieser mathematisch komplexen Disziplin.

Eher zufällig geriet sie als Doktorandin in Harvard dann in Seminare zu „Behavioral Economics“. Und war absolut fasziniert. „Das, was ich vorher gemacht hatte, kam mir plötzlich vor wie ein abstraktes Glasperlenspiel – intellektuell zwar extrem anspruchsvoll, aber nicht nützlich zum Verstehen von menschlichem Verhalten“, erinnert sie sich.

Nicht nur wissenschaftlich war die Promotion in Harvard für Malmendier weichenstellend. Im Doktorandenprogramm lernte sie ihren heutigen Mann Stefano DellaVigna kennen. Inzwischen sind beide Ökonomie-Professoren in Berkeley. „Europa vermisse ich sehr“, gesteht Malmendier. „Wenn ich die Forschungsumgebung und die sonstigen Arbeitsbedingungen mitnehmen könnte, würde ich sofort zurückkommen.“

Seit einigen Monaten ist das aber noch unwahrscheinlicher als ohnehin schon, denn Malmendier ist Mutter geworden. Wegen ihres Sohns hat sie jetzt ein weiteres Argument, in Amerika zu bleiben. „Es ist hier viel einfacher, Kind und Karriere zu verbinden.“

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