Serie: Jugend forscht
Warum ein halber Engländer nach Kiel zieht

In der VWL findet ein Generationswechsel statt. Wir stellen die neuen Köpfe vor. Heute: Holger Görg, der nach 14 Jahren im Ausland an die Uni Kiel wechselt und als forschungsstarker Experte für Außenwirtschaft gilt.
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KIEL. Noch purzeln mal englische, mal deutsche Begriffe aus ihm heraus. Er habe mehrfach im Leben seine "expectations" angepasst, erzählt Holger Görg zum Beispiel. Und fragt von Zeit zu Zeit: "Wie formuliert man das auf Deutsch nochmal am besten?" Wer 14 Jahre im englischsprachigen Ausland gelebt hat, bringt Spuren mit nach Hause.

Im Februar ist der 38-Jährige nach Deutschland zurückgekehrt. Mit ihm sei ungeheuer viel frischer Wind nach Kiel gekommen - "weil er die Forscherwelt aus angelsächsischen Augen sieht", schwärmt der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower. Mit dem Ruf des Außenwirtschaftsexperten an die Uni Kiel verbunden mit einer Forschungsstelle am nahe gelegenen Institut gewinnt die hiesige Ökonomenlandschaft einen der forschungsstärksten jungen Wissenschaftler zurück: Nur vier seiner Kollegen unter 40 Jahren sind erfolgreicher als Görg.

Dabei hatte er zunächst gar keine Akademikerlaufbahn eingeschlagen: Dem Realschulabschluss folgten die Banklehre, das Abitur und das BWL-Studium an der Wormser Fachhochschule - mit dem "Hintergedanken, möglichst schnell wieder in das Bankerleben zurückzukehren". Das ließ Görg dann aber bleiben: "Ich habe während des Studiums gemerkt, dass mich volkswirtschaftliche Fragen, beispielsweise über Währungssysteme, viel mehr begeistern als der Alltag in einer Bank."

Dieses Interesse, speziell an der Außenhandelstheorie, führte ihn erst ins irische Galway und dann nach Dublin. "Dort habe ich das Instrumentarium der VWL gelernt", sagt Görg. Nach Master und Ph.D. forschte er am Beispiel Irland über die volkswirtschaftlichen Effekte multinationaler Unternehmen für das Gastgeberland.

Die letzten acht Jahre arbeitete Görg in Nottingham. Eine Zeit, in der der gebürtige Dernbacher "Deutschland überhaupt nicht im Blick" hatte. Weil die Forschung dort lange Zeit auf geringem Niveau stattgefunden habe, die Lehrbelastung zu groß gewesen sei. Zudem seien die Arbeitsbedingungen in Nottingham so gut gewesen, dass es keinen Grund gegeben habe, sich anderweitig umzusehen.

"Fachlich fehlte mir im Ausland nichts - aber die Lebensqualität ist in Deutschland deutlich höher", sagt Görg. Wenn die Bahn hierzulande fünf Minuten zu spät komme, sei das Geschrei groß. In Großbritannien dagegen habe er nicht einmal sicher sein können, Termine morgens um acht Uhr in London pünktlich von Nottingham aus erreichen zu können. Das Gesundheitssystem sei in Deutschland wesentlich verlässlicher. Und die Kinderbetreuung trotz ihres schlechten Rufs viel besser als in England.

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