Soziale Ungleichheit
Vom Drogendealer zum Harvard-Professor

Er ist schwarz, wuchs bei Crack-Dealern auf und besaß mit 13 die erste Magnum. Heute, mit 31, ist Roland Fryer Professor in Harvard, er widmet seine wissenschaftliche Laufbahn der Erforschung von Diskriminierung und Ungleichheit. Wie der junge Afroamerikaner die soziale Ungleichheit in den USA mildern will.
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NEW YORK. Der Moderator scheint empört. „Sie haben geschrieben: ,Schwarze sind die ethnische Gruppe mit den schlechtesten Ergebnissen im gesamten Schulsystem’ – Verzeihung, aber das ist rassistisch!“ Sein Gegenüber, fein gekleidet im schwarzen Anzug, weißen Hemd mit blau-rot gepunkteter Krawatte, lacht. „Sie sind nicht der Erste, der mich einen Rassisten nennt“, sagt er dann. „Dabei beschreibe ich einfach nur die Realität: In diesem Land gibt es ein Leistungsgefälle.“ Jeden anderen hätte das Publikum der amerikanischen TV-Show „Colbert Report“ an dieser Stelle wohl ausgebuht. Roland Fryer jedoch kann es sich leisten, politisch unkorrekt zu sein – der 31-jährige Harvard-Ökonom ist selber schwarz.

Die Ursachen von Ungleichheit zu erforschen und zugleich herauszufinden, wie man sie beseitigen kann, hat er sich zur Lebensaufgabe gemacht. Allerdings verfolgt er seine Mission nicht mit ideologischem Eifer, sondern mit wissenschaftlicher Distanz und Disziplin. „Ich habe keine vorgefertigte Meinung“, sagt er. „Fragen Sie einen Physiker nach seinem Gefühl für Schwerkraft, und er wird sagen: ,Lassen Sie uns messen.’ Genauso ist es bei mir.“

In den USA ist das Thema Rasse so sensibel, dass viele es vorziehen, Probleme lieber gar nicht erst zur Kenntnis zu nehmen. Nicht so Fryer. „Für mich gibt es keine Denkverbote. Ich folge meinen Daten.“ Er stellt Fragen, vor denen andere zurückschrecken: Kann es sein, dass Quotenregelungen für Minderheiten ein Anreiz zur Faulheit sind? Beeinträchtigen Eltern, die ihren Kindern typisch schwarze Namen wie Tyrone oder Precious geben, deren berufliche Karrieren? Genauso interessieren ihn die Erfolgsquoten von „schwarzen“ Colleges und wie der Ku-Klux-Klan als Geschäftsmodell funktioniert. Mit Fryer zusammenzuarbeiten sei „irgendwie befreiend“, findet sein Kollege Edward Glaeser.

Als Wissenschaftler hat der junge Afroamerikaner eine Blitzkarriere hingelegt. Mit einem Sportstipendium kam er an die University of Texas in Arlington und schloss in rekordverdächtigen zweieinhalb Jahren sein Ökonomie-Studium ab, obwohl er nebenbei Geld verdienen musste. Er promovierte an der Pennsylvania State University und schrieb seine Dissertation über „Mathematische Modelle von Diskriminierung und Ungleichheit“. Da war er schon so bekannt, dass ihn der damalige Harvard-Präsident und heutige ökonomische Berater von US-Präsident Barack Obama, Larry Summers, persönlich anrief, um ihn mit einem Forschungsstipendium an die Elitehochschule zu locken. Mit 27 wurde er dort Assistenzprofessor, im vergangenen Jahr erhielt er seinen eigenen Lehrstuhl. Zudem gründete er 2007 das „American Inequality Lab“, in dem er Projekte zur Erforschung von Ungleichheit bündelte.

In der Studie „Acting white“ etwa untersuchte er, inwieweit schwarze und hispanische Jugendliche schulischen Erfolg mit „weißem Verhalten“ gleichsetzen und daher einen Gruppendruck aufbauen, der gute Leistungen verhindert. Tatsächlich fand er heraus, dass überdurchschnittlich viele gute Schüler aus Minderheitenfamilien als „Streber“ isoliert waren. „Minderheiten müssen erst noch Eliten aufbauen, die als Vorbilder dienen“, erkannte Fryer. „Solange verwahrloste Gemeinschaften identitätsprägend sind, bleiben die sozialen Kosten für abweichendes Verhalten hoch.“

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