Sozialstudie im Untergrund
Zu Gast bei den Gang-Managern

Unter dem Schutz des Gangsterbosses J.T. studierte der Soziologe Sudhir Venkatesh jahrelang die Ökonomie des Chicagoer Untergrundes. Er hospitierte bei den örtlichen Drogendealern - und stellte fest: Sie sind so gut organisiert wie Mittelständler. Sein Wissen will er der Politik zur Verfügung stellen - um die Situation der Armen zu verbessern.
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NEW YORK. "Du machst doch nichts als rumlaufen, Hände schütteln und Partys feiern", hatte er zu J.T. gesagt, dem Boss der "Black Kings" im Süden Chicagos. J.T. war ganz ruhig geblieben. "Wenn du denkst, dass es so einfach ist, versuch?s doch einfach mal", hatte er geantwortet.

So kam es, dass der Wissenschaftler Sudhir Venkatesh einen Tag lang eine führende Rolle in der Untergrundwirtschaft von Chicago übernahm: Er wurde Gangsterboss.

Wenn der Soziologe heute über seine Chuzpe nachdenkt, wird ihm heiß und kalt. "Ich war vollkommen naiv", erinnert er sich. Mit Clipboard und Fragebogen war der damals 23-jährige Student in ein berüchtigtes Sozialwohnungsghetto des Chicagoer Südens marschiert, um Ursachen für die Armut schwarzer Familien zu ergründen.

Er war gerade erst von der Westküste nach Chicago gezogen und kannte die Verhältnisse nicht. Umgehend wurde er von der lokalen Gang eingekesselt und über Nacht im Treppenhaus festgehalten. Was ihn rettete, war wohl, dass er als gebürtiger Inder in keine Freund-Feind-Schublade passte - und dass der Anführer der Gruppe, J.T., Gefallen an dem ahnungslosen Intellektuellen fand. Unter seinem Schutz konnte Venkatesh in den Slums jahrelang unbehelligt die Ökonomie des Untergrunds studieren.

Das Ergebnis waren eine Dissertation, diverse Aufsätze und zwei Bücher - "Off the Books" (zu Deutsch: Nicht von der Buchhaltung erfasst) und das 2008 veröffentlichte "Gang Leader for a Day". Außerdem fand Venkatesh das wissenschaftliche Thema seines Lebens: die Schattenökonomie in Großstädten. Er ist heute Soziologieprofessor und leitet an der New Yorker Columbia University das Zentrum für urbane Forschung und Stadtentwicklungspolitik.

Seine Studenten und er untersuchen, wie entlassene Strafgefangene einen neuen Job finden, Prostituierte ihre Preise kalkulieren und mit welchem Erfolg Behörden öffentlichen Wohnraum in privaten umwandeln. Stets sind es empirische Langzeitstudien, und mit allen verfolgt Venkatesh ein Anliegen: "Ich will der Politik Informationen zur Verfügung stellen, damit sie die Situation der Armen verbessern kann."

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