Stimmt es, dass...
Ist die Staatsschuldenkrise eine Folge der Bankenkrise?

Kritiker der öffentlichen Miesen verweisen reflexhaft auf stetig ansteigende Schulden seit den 50er Jahren. Doch das überzeugt nur begrenzt, denn seitdem ist die Wirtschaft gewachsen und die Währung im Wert gesunken.
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Unser aufmerksamer Leser Wolfgang Junkes hält den Zusammenhang zwischen belasteten Bankbilanzen und öffentlichen Schulden für eine reine Schutzbehauptung, wie sie Politiker gern in Talkshows zum Besten geben und empfiehlt einen Blick auf die Website des Bundes der Steuerzahler. In der Tat sieht man auf der dort dargestellten Grafik zur Staatsverschuldung, wie die Zunahme der Staatsschulden seit 1950 beständig steiler geworden ist. Nach der Wiedervereinigung verstärkt sich dies vorübergehend, aber einen Effekt der Bankenkrise kann der Augenschein nicht entdecken.

Die Grafik ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie man mit geeigneten Schaubildern desinformieren kann. Der Anstieg von 1950 bis 1955 um umgerechnet 11 Milliarden Euro auf 21 Milliarden Euro, immerhin 110 Prozent, ist fast nicht erkennbar. Die Zunahme von 2000 bis 2005 um 12 Prozent, in Prozent ausgedrückt also ein Neuntel der Zunahme in der ersten Hälfte der 1950er, wirkt optisch wie ein sehr steiler Anstieg. Das liegt daran, dass die absolute Zunahme mit 189 Milliarden 17-mal so groß ist wie damals. Es ist aber angesichts des Wirtschaftswachstums und der Geldentwertung von 50 Jahren unsinnig und unseriös, so zu tun, als könnte man diese Werte direkt vergleichen.

Blickt man auf das Staatsdefizit im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, so zeigt sich ein deutliches Bild. In den fünf größeren Kernländern der Währungsunion, ebenso wie in den fünf Randländern Italien, Spanien, Portugal, Irland und Griechenland, lag dieses von 2001 bis 2005 überwiegend zwischen zwei und drei Prozent. An der Peripherie nur ein wenig höher als im Kern. Länder wie Spanien und Irland wiesen sogar jahrelang Haushaltsüberschüsse auf. 2006 und 2007 lag das Defizit im Kern unter einem Prozent, in der Peripherie unter zwei Prozent.

Dann schoss es im Zuge der Finanzkrise nach oben, in den Kernländern ab 2009 auf über fünf Prozent, in der Peripherie über zehn Prozent. In Deutschland sprang die Verschuldung aufgrund der Kosten der Bankenrettung 2009 und 2010 um 16,5 Prozent auf 83,2 Prozent nach oben. Das „hochverschuldete“ Spanien, wie es in den Medien reflexartig genannt wird, hatte 2007 noch einen Verschuldungsgrad von weniger als 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und liegt trotz des kräftigen Anstiegs seither noch unter dem deutschen Wert. In Irland schoss die Verschuldungsquote in nur drei Jahren wegen der Bankenkrise um rund 40 Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts nach oben. Die Aussage, dass die Finanzkrise ursächlich für die europäische Staatsschuldenkrise ist, scheint nicht allzu gewagt.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Stimmt es, dass...: Ist die Staatsschuldenkrise eine Folge der Bankenkrise?"

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  • Viele Kommentare hier nennen jeweils Teilaspekte und wenn ich es richtig lese wird besonders über Ursache/Wirkung gestritten, wenn es darum geht ob die Finanz- an der Staatsschuldenkrise schuld war oder gar umgekehrt.

    Ich versuche mal noch ein paar andere Aspekte zu benennen, die ich hier noch nicht gelesen habe und wohl für die Thematik auch relevant sind. Zuerst möchte ich nicht bestreiten, dass die Schulden im Privatsektor wie auch die Staatsschulden nicht nur nominel sondern auch prozentuell zum BIP in USA/EU zugenommen haben.

    Jedoch sollte man sich immer die anderen Seite der Medallie angucken. Zum Einen bestand die Möglichkeit der grösseren Verschuldung erst überhaupt mit der Deregulierung des Finanzwesens und fragwürdiger Finanzprodukte und in den USA der staatlichen wie auch durch Finanzlobby gepushten Immobilienblase. Das soll nicht bedeuten, dass sich diese Privatmenschen nicht auch verantwortungslos durch immer höhere Hypotheken und Kredite verhalten haben, aber schliesslich haben die Banken auch mitgespielt und kein Problem damit gehabt die Kredite zu gewähren, unabhängig von der wirklichen Bonität des Kreditnehmers und somit eine Art Lizenz zum Gelddrucken erhalten (ohne viel Eigenkapital und ohne wirklich eigene Wertschöpfung)

    Ausserdem wundert es mich, dass alle nur von Schulden, aber niemand von Vermögen spricht, denn dieses ist in vielen Ländern teils schneller gestiegen als die privaten Schulden. Problem Nr. 1, dieses Vermögen ist aber bei denen gelandet, die meist sowieso schon mehr als genug davon haben und Problem Nr. 2 durch die immer stärkere neoliberale Ausrichtung sind die Steuereinnahmen durch Kapital/Vermögen/Finanzgeschäfte gesunken und zusätzlich durch die immer weitere Prekarisierung der Arbeitnehmerschaft (also Löhne) sind auch hier die Steuereinnahmen eingebrochen -> führt zu mehr Staatsschulden -> schwächere Binnennachfrage -> noch weniger Steuereinnahmen.

  • Ein direkte Folge auf die Bankenkrise ist die aktuelle Schuldenkrise sicher nicht. Damals hat die Bankenkrise jedoch die Macht der Märkte demonstriert. Ebenfalls wird die Schuldenlast (Zinsen) der Staaten nicht zuletzt durch die Märkte wesentlich bestimmt. Fazit: Beide Krisen haben den gleichen Auslöser/Anheizer.

    Mehr zum Thema auf www.krisentalk.de

  • Werter Herr Häring,

    wenn Sie die Grafik der BRD- Staatsverschuldung des Steuerzahlerbundes kritisieren, sollten Sie bitte vergleichbare Belege anführen: Eine Statistik der Staatsverschuldung der BRD in % des jeweiligen BIP von 1950 bis 2011. Ich stimme durchaus zu, daß diese Quote mehr sagt als die nackten Werte in Euro. Von den Problemen einer Preisindizierung und Brutto-Netto ganz abgesehen - darüber konnte ich beim BdStD nichts finden.

    Allerdings reden Sie überwiegend über Randländer und über Zeiten ab 2001 und über Defizite; damit erzeugen Sie das, was sie bemängeln: Desinformation.

    Ein Blick hier hin: http://www.google.de/publicdata/explore?ds=ds22a34krhq5p_&met_y=gd_pc_gdp&idim=country:de&dl=de&hl=de&q=staatsverschuldung+deutschland#!ctype=l&strail=false&bcs=d&nselm=h&met_y=gd_pc_gdp&scale_y=lin&ind_y=false&rdim=country_group&idim=country:de:fr&ifdim=country_group&hl=de&dl=de zeigt, daß in in der BRD (und einem weiteren Kernland) von 2001 bis 2008 ein Anstieg der Quote um mehr als 10 Punkte vorliegt. Ohne jede Bankenrettung.

    Leider konnte ich in kurzer Zeit keine aufbereiteten Langzeitdaten finden. Die vorgefundenen Zahlen deuten jedoch darauf hin, daß in der langen Frist die Quote ebenfalls anstieg, da das BIP linear wuchs, die Staatsverschuldung jedoch überproportional.

    Somit ist die Bankenrettung wohl eher der berühmte Tropfen des überlaufenden Fasses.

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