Stimmt es, dass...
Profitieren Krisenbewältiger von der Eurokrise?

Viele Mächtige dieser Welt brauchen einen Feind, um ihren öffentlichen Führungsanspruch aufrechtzuerhalten. Das zeigen nicht nur Beispiele aus der Politik. Für die Lösung von Krisen ist das nicht gerade förderlich.
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Ein Arzt, der einen reichen Patienten gänzlich heilt, bringt sich selbst um eine Einkommensquelle. Ein Politiker wie Winston Churchill, den das Volk vor allem als begnadeten Kriegsherren ansieht, bringt sich um die Macht, wenn er einen Krieg erfolgreich beendet. Eine Margaret Thatcher, die angetreten war, die bei den Wählern ungeliebten Gewerkschaften zu entmachten, wurde von der eigenen Partei ausgewechselt, als sie diese Aufgabe erfüllt hatte. Derartige Beispiele gibt es viele.

Alle, deren Macht darauf fußt, dass sie als besonders kompetent gelten, ein schwerwiegendes Problem zu lösen, können daraus folgende Maxime ableiten: Zeig immer wieder, dass du der oder die Richtige bist, um mit dem Problem umzugehen, aber schaff es auf keinen Fall aus der Welt.

Ein Ökonomenteam hat gezeigt, dass solche Überlegungen keine reine Theorie sind. Unter dem Titel "The Need for Enemies" haben sie das Verhalten der kolumbianischen Regierung unter dem konservativen Alvaro Uribe (2002 bis 2010) im Kampf gegen die linksgerichteten FARC-Rebellen untersucht. Sie stellten fest, dass die Regierung, immer wenn ihr ein großer Schlag gegen die Rebellen gelang, nicht etwa eine Großoffensive zu deren Vernichtung startete, sondern in ihren militärischen Anstrengungen nachließ, bis sich der Gegner erholt hatte.

Es lohnt sich vielleicht, unter diesem Blickwinkel die Euro-Krise zu betrachten, die uns seit Jahren begleitet, ohne dass ein Ende in Sicht käme. Dass die USA und Großbritannien keine Krise erleben, obwohl Staatsdefizit und Staatsverschuldung sich viel schlechter entwickeln als im Euro-Raum insgesamt, deutet darauf hin, dass die Krise lösbar wäre, wenn die mächtigsten Spieler dies wollten. Unter diesem Blickwinkel lautet die entscheidende Frage: Wer würde Macht verlieren, wenn sich die Euro-Krise in Wohlgefallen auflöste?

Es gibt Spieler, wie die Kanzlerin und den Finanzminister, bei denen die Interessenlage schwer auszumachen ist. Bei anderen ist es einfach. Die Bundesbank, die von der mächtigsten Institution Europas zu einer von vielen Mitentscheidern über die europäische Geldpolitik abgesunken war, hat im Zuge der Krise - zumindest in der nationalen und internationalen Wahrnehmung - massiv an Einfluss gewonnen.

Noch viel größer, weil realer, ist der Machtzuwachs der Europäischen Zentralbank als Folge der Krise. Ihr Präsident schreibt an einem Plan für die Neugestaltung der EU mit. Sie diktiert den Regierungen die Bedingungen, unter denen sie bereit ist, deren Anleihen zu kaufen. Sie schreibt mit EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds die Reformprogramme der Krisenländer und überwacht deren Umsetzung. Sie soll sogar die Aufsicht über alle Banken in Europa übernehmen. Kurz: Die Krise macht sie zur mit Abstand mächtigsten Institution in Europa.

Der Autor ist erreichbar unter: haering@handelsblatt.com

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Stimmt es, dass...: Profitieren Krisenbewältiger von der Eurokrise?"

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  • "Es gibt Spieler, wie die Kanzlerin und den Finanzminister, bei denen die Interessenlage schwer auszumachen ist."

    Da ist gar nichts schwer auszumachen. Beide kleben an der Macht, genau wie Draghi, Monti, Juncker, van Rompey, Schulz und wie sie alle heißen.

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