Strukturwandel

Der Westen sehnt sich nach mehr Industrie

Die westlichen Volkswirtschaften zahlen derzeit einen hohen Preis für ihre Umwandlung in reine Dienstleistungsstandorte. Denn wer die Industrie auslagert, verliert gleichzeitig den Anreiz für technische Innovationen.
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Roboter arbeiten im Werk des Automobilherstellers Audi in Ingolstadt an Karosserien des Modells A4. Quelle: dapd

Roboter arbeiten im Werk des Automobilherstellers Audi in Ingolstadt an Karosserien des Modells A4.

(Foto: dapd)

FrankfurtDie Deindustrialisierung war jahrzehntelang kein Thema, jedenfalls keines, was so genannt wurde. Sie hieß Strukturwandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft und galt als etwas ganz Normales für reiche "Industrie"-Länder. Das hat sich geändert. Alle Welt schaut vorwurfsvoll oder bewundernd auf Deutschland, das dank seiner starken Industrie in der Euro-Krise zum fast alleinigen wirtschaftlichen und politischen Machtzentrum in Europa aufgestiegen ist.

Allenthalben wird von der Notwendigkeit gesprochen, die Industrie zu fördern, selbst in angelsächsischen Ländern, wo jede Form von Industriepolitik bisher als planwirtschaftliche Wissensanmaßung verpönt war.

US-Präsident Barack Obama hat sogar eine "fortschrittliche Industriepartnerschaft" ausgerufen. Sein Wirtschaftsberater Gene Sperling hat ganz offen den starken Rückgang der Industriebeschäftigung seit etwa 2000 als nationales Problem ersten Ranges bezeichnet.

Industriefetischismus nennt John Kay das. Der einflussreiche britische Buch- und Kolumnenschreiber schüttet Häme über eine archaische Geisteshaltung aus, die nur das Machen von Sachen als vollwertige Arbeit betrachte und Pflege alter Menschen oder Haareschneiden als minderwertig einstufe.

Gene Sperling kennt solche Einwände aus seiner Heimat zur Genüge. Deshalb hat er sich in einer Rede bei einer "Konferenz zur Renaissance der amerikanischen Industrie" ausführlich damit auseinandergesetzt. Anders als bei solchen Anlässen oft üblich handelt es sich nicht um Sprechblasen, sondern um eine tiefschürfende ökonomische Analyse, gespickt mit Verweisen auf ein Dutzend Studien.

"Arbeit, um Sachen herzustellen, ist in einer globalisierten Welt ein billiger Standardinput", stellt Kay fest. Was wirklich Wert schaffe, seien die Fähigkeiten und Anstrengungen darum herum, die aus einfachen Dingen schöne, komplexe und höchsten Qualitätsansprüchen genügende Objekte machen, für die hohe Preise zu erzielen seien. Er nennt das Beispiel des iPhones, das für 20 Dollar in China hergestellt werde, für dessen Entwicklung in Kalifornien Apple jedoch Hunderte Dollar pro Stück erzielen könne.

Wenn sich bei allen Industrieprodukten Entwicklung und Produktion so gut räumlich trennen ließen wie bei Informations- und Telekommunikationsgütern, dann wäre es vielleicht möglich für ein führendes "Industrieland", sich auf die sauberen Bürojobs zu beschränken und trotzdem seinen Wohlstand zu bewahren. Doch das scheint eher die Ausnahme als die Regel zu sein.

Mit dem Produktionsverlust sinkt die Innovationskraft
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11 Kommentare zu "Strukturwandel: Der Westen sehnt sich nach mehr Industrie"

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  • "...und galt als etwas ganz Normales für reiche "Industrie"-Länder."

    Ja, aber nur für Schwachköpfe!
    Die meisten Anderen haben damals schon erkannt, welchen Irrweg das bedeutet! Die Industrie braucht weder "Industriepolitik" noch "Industrieförderung" noch ein "Wirtschaftsministerium", sondern nur Freiheit, bezahlbare Energiekosten und möglichst wenig Bürokratie. Deutschland ist seit Jahren genau auf dem entgegengesetzten Weg. Das wahr mehrheitlich politisch gewollt- und frei gewählt, also was soll das Geflenne?

  • Die Abschaltung leistungsfähiger Kern- und Kohlekraftwerke - um deren Stromerezugung aus Wind- und Solarzellen zu ersetzen - ist genau der Weg zur De-Industrialisierung Deutschlands. Damit es nicht auffällig wird, nennt man dies "Energiewende". Deren Folgen sind bereits sichtbar.Teuerstrom und Abwanderung einer produzierenden Industrie. Billiger, preiswerter und bezahlbare Elektrizität fördert deren vielfältige Nutzung und Anwendung in zahllosen Gerätschaften und regt den Erfindergeist an. Teuerstrom verhindert dies. Bei der Energiewende mit der Umstellung auf Strom aus erneuerbaren Energien soll der Verbraucher sein Tun und Verhalten an Sonne, Wind und Wetter ausrichten. Bürokraten können dies möglicherweise. Industrielle Produktionen werden sich dann andere Orte aussuchen müssen. Deutsche Autofabriken machen es gerade.

  • ..und wieder bleibt die Frage, wie so oft: War es Dummheit oder Absicht den (für die Bevölkerung) falschen Weg einzuschlagen?

    http://www.youtube.com/watch?v=T3Eo2YTQUr8

  • DEINDUSTRIALISIERUNG als ein vom Club of Rome und seinen Anhängern ideologisch unterbautes Prinzip:

    Für den Blick über den Tellerrand ein Vortrag von Webster Tarpley:

    http://www.youtube.com/watch?v=T3Eo2YTQUr8

    Lässt auch die Klimalüge besser verstehen.

    Die Wahrheit hinter Allem ist schlicht: Die Elite (0,0001%) bekämpft die Massen. Die unnützen Esser. "Surpluspopulation".

    Weshalb wurden zB die USA deindustrialisiert und hängen nun an so wertschöpfungs"intensiven" Branchen wie dem Bankenwesen?

    Ein Stop der Deindustialisierung der entwickelten Länder kann nur durch eine Neubewertung/Neujustierung der Politik der offenen Märkte (zu den Volkswirtschaften außerhalb Europas) erreicht werden.

    In Zeiten des technologischen Vorsprungs Europas mag dies eine tragbare Strategie sein. Heute erscheint mir diese Politik für Europa schlicht selbstmörderisch und führt in eine enorme Abhängigkeit und Erpressbarkeit.

  • Wirklich guter Artikel. Ich habe bis heute nicht verstanden, warum die strategische Industriepolitik (nicht die simple französische Variante!) nicht der Kern unseres politischen Handeln ist.

  • Habe meine Diplomarbeit am WZL der RWTH Aachen geschrieben. Dort ist das, was dem Leser hier als neuester Trend verkauft wird, seit ca. 50 Jahren der Grundansatz der angewandten Forschung: Durch Innovation und technischen Fortschritt in Hochlohnländern international konkurrenzfähig produzieren zu können.

    Das die Reduktion auf die nicht rationalisierbaren und dem technischen Fortschritt nicht zugänglichen Dienstleistungen eine Volkswirtschaft langfristig ruinieren, wusste man dort schon lange.

    Lesen Sie das Vorwort zu Prof. Manfred Wecks und Prof. Christian Brechers Buch "Werkzeugmaschinen". Dort finden Sie die gleiche Analyse - von zwei prominenten Maschinenbauprofessoren in Deutschland.

    Doch die Dienstleistungsillusionisten sind wie Alkoholiker, Raucher, Drogenabhängige und Eurofanatiker: Sie merken es erst dann, wenn der Leidensdruck so gross wird, das Handlungen zwingend werden.

  • Das war auch mir vor 15 Jahren schon klar. Aber bei manchen braucht es eben ein bißchen länger...

  • Tja, nun sind alle famosen Zukunftsforscher ganz doll überrascht, dass eine Volkswirtschaft doch nicht nur von Kindergärtnerinnen, Lehrern, Sozialarbeitern und Finanz-Haien leben kann. Hättet Ihr mich angerufen, hätte ich Euch sagen können.

  • Manfred Julius Müller: Für Zollgrenzen, gegen Freihandel...Protektionismus nach Friedrich List und Emmanuel Todd

    http://www.neo-liberalismus.de

    http://www.anti-globalisierung.de


    Bürgerbewegung Solidarität - gegen Deindustrialisierung und den Monetarismus der Chikagoer Schule der Volkswirtschaft nach Milton Friedman

    http://www.bueso.de

    Volksprotest - die wahren Zahlen abseits der monetaristischen Mainstream Medien

    http://www.volksprotest.de

    Siehe Forum...

  • John Kays "Industriefetischismus" war die Demontage des Mittelstandes und ist Amerikas Untergang. Die würden doch noch am liebsten ihre Fluzeugträger in China fertigen lassen und die Welt ansonsten am liebsten mit grünbedrucktem beglücken - funktioniert aber nicht mehr.

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