Studie
Mythos Mindestlohn

Sind Mindestlöhne womöglich nicht so schlimm, wie viele Volkswirte fürchten? Eine neue Studie aus einem DFG-Projekt zeigt: In der westdeutschen Baubranche, wo seit 1997 Mindestlöhne gelten, sind dadurch womöglich sogar neue Jobs entstanden. Es scheint vor allem auf die Höhe des Mindestlohns anzukommen
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Die Zahlen haben es in sich – wenn sie denn stimmen. 1,1 Millionen Arbeitsplätze verschwinden in Deutschland, wenn ein Mindestlohn in Höhe von 7,50 Euro eingeführt wird, prophezeien die Ifo-Ökonomen Joachim Ragnitz und Marcel Thum in einer jüngst veröffentlichten Studie. Drei Prozent aller Jobs in Deutschland wären danach in Gefahr.

Aber wie fundiert ist diese Schätzung? International renommierte Arbeitsmarktforscher kommen in Studien für andere Länder zu dem Schluss, dass Mindestlöhne keineswegs gigantische Arbeitsplatz-Vernichtungsprogramme sein müssen. So stellten zahlreiche Wissenschaftler für Großbritannien fest: Der dortige Mindestlohn hat keine oder nur geringe negative Wirkungen auf Beschäftigung und Arbeitslosigkeit. Für die USA konstatiert selbst der Sachverständigenrat, der Mindestlöhne mehrheitlich ablehnt, es seien „keine gesicherten negativen Beschäftigungseffekte mehr festzustellen“.

Mindestlohn-Skeptiker wenden bislang ein: Die Erfahrungen aus anderen Staaten ließen sich nicht auf die deutsche Situation übertragen – weil in den USA und Großbritannien die Arbeitsmärkte flexibler sind und dort die Sozialsysteme für Geringqualifizierte anders organisiert sind.

Eine neue Studie, die erstmals empirisch die Wirkungen eines bereits existierenden Mindestlohns in Deutschland untersucht, zieht diese Argumentation nun nachhaltig in Zweifel. Zwei Wissenschaftler von der Uni Regensburg haben detailliert untersucht, welche Folgen Mindestlöhne hatten, die in der deutschen Bauwirtschaft seit 1997 gelten.

Seitdem schreibt das „Arbeitnehmerentsendegesetz“ einen Mindestlohn für Bauarbeiter vor. 1997 lag er bei 8,70 Euro in den alten und 8,00 Euro in den neuen Ländern. Heute beträgt er 10,40 bzw. 9,00 Euro – ist also deutlich höher als die als genereller Mindestlohn diskutierten 7,50 Euro.

Wie haben Lohngefüge und Beschäftigung auf dem Bau auf diesen staatlichen Eingriff reagiert? Im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgesmeinschaft finanzierten Schwerpunktprogramms „Flexibilisierungspotenziale bei heterogenen Arbeitsmärkten“ haben die Forscher Marion König und Joachim Möller diese Frage untersucht. Möller ist seit Oktober auch Direktor des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit.

»  Download der Studie "Mindestlohneffekte des Entsendegesetzes" von Marion König und Joachim Mölller

Die Studie kommt zu einem differenzierten Ergebnis. Für Ostdeutschland bestätigte sich die These der traditionellen Ökonomie, dass Mindestlöhne Jobs vernichten. Ganz anders aber ist der Befund für Westdeutschland: „In den alten Bundesländern kann unserer Analyse zufolge eine beschäftigungsschädliche Wirkung der Mindestlohnregelungen nicht nachgewiesen werden. Auch wenn angesichts der teilweise nicht gegebenen statistischen Signifikanz Vorsicht bei der Interpretation geboten ist, deutet sich hier ein Beschäftigungszuwachs in der Gruppe der betroffenen Arbeitnehmer an.“ Mit anderen Worten: In Westdeutschland hat der Bau-Mindestlohn nicht nur keine Jobs gekostet, womöglich hat er sogar zusätzliche Stellen geschaffen.

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