Studie zur Krise
Wenn Bankenrettung zum Zwang wird

Der ewige Fluch des "Too big to fail": Wissenschaftler warnen, dass die Politik Großbanken überhaupt nicht pleitegehen lassen kann - weil die Folgeschäden für den Rest der Wirtschaft einfach zu groß wären.
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LondonMoody's machte im Oktober den Anfang, Fitch folgte nur fünf Tage später. Beide Ratingagenturen senkten den Daumen für britische Banken. Die Herabstufung begründeten sie nahezu identisch: Mit den Geschäftszahlen der Geldinstitute habe der Schritt nichts zu tun, entscheidend seien ausschließlich politische Faktoren. Die britische Regierung sei in der nächsten Krise nicht mehr ohne weiteres bereit, strauchelnde Geldinstitute aufzufangen. "Der politische Wille, die impliziten staatlichen Garantien für Banken zurückzufahren, nimmt zu", hieß es bei Fitch.

Aber wäre die Behauptung einer Regierung, Problembanken im Fall der Fälle wirklich pleitegehen zu lassen, überhaupt glaubwürdig? Ein amerikanisch-asiatisches Forschertrio stellt das in einer neuen Studie nachhaltig in Frage.

Die Ökonomen kommen in ihrer Ende Oktober veröffentlichten Arbeit zu dem Schluss: Wenn es zum Schwur kommt, sind alle Beteuerungen hart zu bleiben, schnell vergessen - weil die Folgeschäden für den Rest der Wirtschaft zu groß wären. Volkswirte nennen dieses Phänomen "too big to fail".

Das Forscherteam um Todd Gormley von der Wharton School der University of Pennsylvania konzentriert sich in ihrer Fallstudie auf Korea während der Asienkrise. Die Ökonomen kommen zu dem Schluss: Obwohl die Regierung in Seoul zu Beginn der Krise Rettungsaktionen für einzelne Unternehmen kategorisch ausgeschlossen hatte, blieb ihr später keine andere Wahl. Den Akteuren auf dem Finanzmarkt war dieses Dilemma von Anfang an klar, und sie nutzten es gnadenlos aus. "Die Versprechen von Regierungen, systemwichtige Firmen nicht zu retten, sind nicht glaubwürdig", lautet das Fazit der Studie. Das Ergebnis ist ein Beispiel für das grundlegende Problem der "zeitlichen Inkonsistenz". Regierungen sind oft nicht in der Lage, unwiderrufliche Entscheidungen zu fällen. Unter anderem für diese Erkenntnis haben Finn Kydland und Ed Prescott 2004 den Ökonomie-Nobelpreis erhalten.
Derzeit sind 29 Geldinstitute so groß, dass sie das Weltfinanzsystem ins Wanken bringen können. Das Financial Stability Board hat am vergangenen Freitag in Cannes die mit Spannung erwartete Liste dieser Banken veröffentlicht. Unter anderem gehören die Deutsche Bank und die Commerzbank dazu.

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Welle von Fusionen und Übernahmen

Kommentare zu " Studie zur Krise: Wenn Bankenrettung zum Zwang wird"

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  • Es ist ja noch nicht solange her, dass man sich nicht mehr erinnern könnte.

    Aus Sicht des Präsidenten der BAFin muss es in Deutschland zu Bankenfusionen kommen, um im europäischen Wettbewerb bestehen zu können.

    Immerhin eine Aussage eines erfahrenen Praktikers, der sich auf die Bankenaufsicht spezialisiert hat und auch heute noch im Amt ist. Schließlich hat er als erster "Politiker" zu Beginn der Krise den Vergleich mit 1929 angestellt.

    Aber man hört nichts mehr von ihm, obwohl es seine ureigenste Aufgabe wäre.

  • "Too big to fail"

    Nach oft geäußerter Feststellung des Präsidenten der BAFin bedürfen die deutschen Banken einer Konsolidierung, um im europäischen Wettbewerb zu bestehen.

    Gilt das nicht mehr oder war das mal wieder nur so dahin gesagt.

    Was gilt denn überhaupt noch. "Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln."

  • "Aber wäre die Behauptung einer Regierung, Problembanken im Fall der Fälle wirklich pleitegehen zu lassen, überhaupt glaubwürdig?" - Nein, sicher nicht.

    Man kann die Frage durchaus sinnvoll erweitern: Ist irgendeine Behauptung von Politikern überhaupt jemals glaubwürdig? - Meine Antwort lautet, daß alle Erfahrung dagegen spricht.

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