Think-Tanks
Neues Denken aus dem alten Europa

Rund 50 Denkfabriken gibt es in Brüssel - einer der innovativsten und wichtigsten Think-Tanks ist das deutsch-französische Institut Bruegel, das erst im Sommer 2004 gegründet wurde. Während die meisten anderen Brüsseler Denkfabriken der offiziellen EU-Agenda folgen, gibt Bruegel eigene, oft unbequeme Anstöße.
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BRÜSSEL. Ein kleines, unscheinbares Büro am Rande des Brüsseler Europaviertels. Handwerker legen neue Kabel, einige Zimmer werden renoviert. Alles wirkt unfertig, improvisiert, ein wenig chaotisch - wie so oft in Belgien. Nichts spricht dafür, dass hier eine der innovativsten und wichtigsten Denkfabriken Europas beheimatet ist: das "Brussels European and Global Economic Laboratory", kurz Bruegel. Ein junges, einflussreiches Wirtschaftsforschungsinstitut, gegründet im Sommer 2004. Im Vergleich mit etablierten Instituten wie dem European Policy Center oder dem German Marshall Fund nimmt sich diese Denkfabrik bescheiden aus.

Hier geht es nicht um Repräsentation, sondern um Inhalte. Bruegel-Ökonomen analysierten die Schwächen des europäischen Finanzsystems schon 2007 - noch bevor die Bankenkrise richtig ausgebrochen war. Die Denkfabrik entwarf ein europäisches Konjunkturprogramm, als die EU noch nicht einmal darüber zu sprechen wagte. Und ab September schreiben Bruegel-Experten Memos zur Wirtschaftspolitik, die der neuen EU-Kommission auf die Sprünge helfen sollen. In Washington ist das Alltag. In Brüssel ist es neu.

Rund 50 Denkfabriken gibt es in der EU-Kapitale, Hunderte Wirtschaftsanwälte und Tausende Lobbyisten - doch wenig unabhängige Expertise. Die meisten Forscher werden aus EU-Mitteln finanziert, Anwälte und Lobbyisten stehen im Sold von Unternehmen und Verbänden. Deshalb beschlossen Deutschland und Frankreich 2003, zum 40. Jahrestag des Elysée-Vertrags, ein neues Institut zu gründen. Unabhängig sollte es sein, aber auch wirtschaftsnah und politikorientiert. Einfach anders.

"Wir wollten uns vom Mainstream abheben, zugleich aber auch einen Namen in der wissenschaftlichen Community erwerben", erinnert sich Christian Kastrop vom Bundesfinanzministerium, der als Projektleiter an der Gründung von Bruegel beteiligt war. Das sei ein Zielkonflikt gewesen, räumt er ein. Vor allem in Deutschland habe es Zweifel gegeben, ob das funktionieren könne. Doch die ungewöhnliche Konstruktion - eine Public Private Partnership, an der neben 18 EU-Staaten auch Firmen wie die Deutsche Bank und Nokia beteiligt sind - hat sich bewährt. Auch wenn manche, wie der FDP-Abgeordnete Alexander Graf Lambsdorff, die staatliche Teilfinanzierung von Bruegel kritisieren, ist er sich sogar mit dem Europäischen Gewerkschaftsbund darüber einig, dass bei Bruegel gute Arbeit gemacht wird.

Zwar fließen Wünsche von Wirtschaft und Politik indirekt über ein elfköpfiges Board in die Arbeit von Bruegel ein. Und das achtköpfige ständige Forscherteam unter Leitung des Franzosen Jean Pisani-Ferry (57) greift auch Vorschläge auf. Doch die Wissenschaftler bestimmen ihre Veröffentlichungen selbst.

Während die meisten anderen Brüsseler Denkfabriken der offiziellen EU-Agenda folgen, hat Bruegel eigene, oft unbequeme Anstöße gegeben. Einige Ideen gingen sogar in die europäische Wirtschaftspolitik ein. "Wir haben schon Vorlagen auf der Basis von Bruegel-Papieren gemacht", sagt Kastrop, der den wirtschaftspolitischen Ausschuss des Finanzministerrats leitet. Auch Finanzkommissar Joaquin Almunia greift Ideen auf. "Er verfolgt sehr genau, was wir tun", freut sich Bruegel-Forscher Jakob von Weizsäcker.

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