Treffen in Lindau
„Regierungen sind globales Risiko“

Die Wirtschaftspolitik sollte nach Ansicht von Bundespräsident Horst Köhler schneller die Erkenntnisse der modernen Wirtschaftswissenschaften anwenden. Bislang fänden diese erst mit „einiger zeitlicher Verzögerung Niederschlag in die Wirtschaftspolitik“, sagte Köhler am Donnerstag Vormittag bei der Eröffnung des zweiten Treffens der Ökonomie-Nobelpreisträger in Lindau am Bodensee.

LINDAU. „Ich wünsche mir, die zeitliche Verzögerung wäre nicht so lang“, sagte der Bundespräsident. Vor allem bei der modernen Finanzmarkt-Ökonomie, die am Donnerstag Vormittag in Lindau das zentrale Thema war, hinkt Deutschland nach Ansicht Köhlers „noch etwas hinterher“.

Noch bis Samstag treffen sich in Lindau acht Ökonomie-Nobelpreisträger mit knapp 300 handverlesenen Nachwuchswissenschaftlern aus aller Welt. Köhler, der selbst promovierter Volkswirt ist, appellierte in seinem Grußwort an die Wirtschaftswissenschaftler, in der Forschung den Menschen nicht aus dem Augen zu verlieren. Aufgabe der Ökonomie sei es, „das Los der Menschheit zu verbessern“, sagte der Bundespräsident.

Armut, Klimawandel soziale Ungleichheit und Migration sind nach Ansicht Köhlers die „großen globalen Herausforderungen“, betonte Kohler. „Die Nationalökonomie wird sich auch in Zukunft daran messen lassen müssen, welchen Beitrag sie zur Lösung dieser Probleme leistet.“ Das große Verdienst der Wirtschaftswissenschaft sei es, „dass sie unseren Blick für die Knappheit der Ressourcen und das Denken in Opportunitätskosten geschärft hat.“ Die Politik solle die Erkenntnisse der modernen Wirtschaftswissenschaft schneller anwenden.

Der Ökonomie-Nobelpreisträger Reinhard Selten sieht die Spekulationsblasen auf den amerikanischen und auch dem chinesischen Immobilienmärkten als massive Gefahren für die Weltwirtschaft. „Zwei bis drei Prozentpunkte des chinesischen Wirtschaftswachstums von etwa acht Prozent entfallen auf die Bauwirtschaft – sollte die dortige Blase platzen, dann hätte das erhebliche negative Folgen für die Realwirtschaft“, warnte Selten am Donnerstag Vormittag in Lindau beim zweiten Treffen der Ökonomie-Nobelpreisträger.

Die chinesische Wirtschaft könnte bei einem Ende des Baubooms ähnliche Probleme bekommen wie Japan in den neunziger Jahren, sagte Selten, der 1994 der erster und bislang einziger Deutsche den Ökonomie-Nobelpreis erhielt. Japan war nach dem Zusammenbruch des Immobilienbooms Ende der achtziger Jahre in eine mehr als zehnjährige Wirtschaftskrise geschlittert.

Nach Ansicht des Ökonometrikers Clive Granger, der 2003 den Nobelpreis erhielt, hat sich die Krisenanfälligkeit der Weltwirtschaft in den vergangen Jahren deutlich reduziert. Hauptgrund dafür sei das hohe Wirtschaftswachstum in den Industrienationen und vielen Schwellenländern. „Die Wirtschaftsleistung der USA ist inzwischen so groß, dass Katastrophen die die Terroranschläge vom 11. September oder der Hurrican Katrina keine spürbaren Effekte auf die Konjunktur haben.“ Auch gegenüber Schocks von den Finanzmärkten sei die Realwirtschaft inzwischen vergleichsweise unempfindlich. „Selbst Kriege haben keinen so großen Einfluss mehr“, betont Granger. Die Kosten des zweiten Irak-Kriegs seien zum Beispiel im Verhältnis zum amerikanischen Bruttoinlandsprodukt geringer als die des Kuweit-Krieges Anfang der neunziger Jahre. „Die Vereinigten Staaten können sich also solche Kriege heute eher leisten – das halte ich für eine beunruhigende Tatsache.“

Finn Kydland, Laureat des Jahres 2004, bezeichnete die in vielen Ländern verbreitete unstetige Wirtschaftspolitik als die größte Gefahr für die Realwirtschaft. „Die Regierungen stellen einen unnötiges globales Risiko dar“, sagte der in den USA forschende Norweger. Die Wirtschaftspolitik sollte sich ähnlich wie die Geldpolitik auf lange Sicht auf eine verlässliche und wirtschaftsfreundliche Politik festlegen. „Die Ökonomen haben inzwischen gesichertes Wissen darüber, wie eine gute Wirtschaftspolitik aussehen sollte“, betonte er. Diese sollte man langfristig verlässlich umsetzen. Als positives Beispiel nannte er Irland – dort schrieb die Regierung die Unternehmensteuern für ausländische Investoren für 20 Jahre fest.

Wenn die Politik durch ständiges Hin und Her ihre Glaubwürdigkeit verliere, habe dies erhebliche negative Folgen für das Wirtschaftswachstum, warnte Kydland. Der US-Ökonometriker Robert Engle (Nobelpreis 2003) dagegen lehnte es ab, eine bestimmte Wirtschaftspolitik auf Jahrzehnte festzuschreiben. „Dann ist es nicht möglich, auf neue Erkenntnisse der Wissenschaft zu reagieren“, betonte er und betonte: „Meist es es doch eher das Problem, dass sich eine bestimmte Politik-Entscheidung zu langsam und nicht zu schnell wieder ändern lässt.“

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