Überreaktion
Auf Finanzkrise folgt noch größeres Desaster

Die globale Wirtschaftskrise hat gezeigt: Neue, striktere Regeln für die Finanzinstitutionen sind notwendig. Doch der politische Reflex, nach einer Krise für Veränderungen zu sorgen, darf nicht über das eigentliche Ziel hinausschießen. Eine Überreaktion könnte zu Protektionismus führen - und sinnvolle Innovation behindern.
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HB. Wenn Josef Ackermann sich zu Wort meldet, spitzt Deutschland die Ohren. So war das auch kürzlich, als der Chef der Deutschen Bank seine Branche davor warnte, kurz nach der Finanzkrise schon zum "Business as usual" zurückzukehren. "Ackermann warnt vor Rückkehr zu alten Sitten" lauteten die Schlagzeilen fast aller deutschen Medien am nächsten Tag. So berechtigt dieser Ordnungsruf angesichts des kurzen Gedächtnisses vieler Banker ist, so falsch wäre eine pauschale Verteufelung des modernen Finanzwesens.

Mit den Unsitten der Banker, die viele nach den Erfahrungen der Krise zu Recht verurteilen, werden allzu häufig auch wertvolle Fortschritte auf den Finanzmärkten als Teufelszeug gebrandmarkt. Wenn die Lehre aus der Finanzkrise jedoch die Ab-kehr von global verbundenen Finanzmärkten und wichtigen Finanzinnovationen der letzten 45 Jahre sein sollte, stürzten wir die Welt in ein viel größeres Desaster. Eine Rückkehr in die Bankenwelt der 60er- Jahre würfe uns auch auf das damalige Wohlstandsniveau zurück. Insofern ist die Rückkehr alter Unsitten zwar ein erhebliches Risiko, die viel größere Gefahr wäre jedoch der Rückfall in die Steinzeit des Bankwesens.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Hier geht es nicht darum, mit einem großen Schwamm die Banken von ihren Sünden während der letzten Spekulationsblase reinzuwaschen. Neue, striktere Regeln für alle Finanzinstitutionen sind gerade deshalb notwendig, weil unser Wissen über die komplexen Wechselwirkungen der Finanzwelt im Hayek?schen Sinne begrenzt ist. Außerdem wird es nach den Erfahrungen der Krise keine neue Finanzordnung geben, wenn sie nicht gesellschaftlich akzeptiert wird.

Die Geschichte zeigt jedoch, dass der politische Reflex, nach einer Krise für Veränderungen zu sorgen, meist übers Ziel hinausschießt. Das war nach der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren so, als die Universalbanken durch den Glass-Steagall-Act in den Vereinigten Staaten zerschlagen wurden. Ganze 66 Jahre hat es gedauert, bis die künstliche Trennung von Investment- und Geschäftsbanken wieder aufgehoben wurde. Und das war nach den Bilanzskandalen von Enron, Worldcom & Co. so, als der Sarbanes-Oxley-Act ab 2002 alle an amerikanischen Börsen notierten Unternehmen mit einem irrsinnigen Wust von Bürokratie überzog.

Diesmal ist die Gefahr jedoch weitaus größer. "Wir bewegen uns von einer Ära mit geradezu waghalsigen Risiken zu einer noch gefährlicheren Zeit, da nahezu jedes Risiko vermieden wird", warnt David Smick, amerikanischer Buchautor und Finanzberater aus Washington. Smick sorgt sich darum, dass durch eine Überregulierung Banken und anderen Finanzinstituten jede Risikofreude ausgetrieben wird. Ziel muss jedoch etwas anderes sein: dass Finanzhäuser mehr Risiken selbst tragen und dafür mehr Kapital vorhalten müssen. Das darf jedoch nicht dazu führen, dass riskante Investments unterbleiben.

Risikokapitalgeber und Finanzinnovationen haben nämlich wesentlich zum Wohlstandsboom der vergangenen 25 Jahre beigetragen. Ohne das Zusammenspiel zwischen risikobereiten Geschäftsbanken, Venture-Kapitalisten und Private-Equity-Gesellschaften wären in den USA in den neunziger Jahren niemals 20 Millionen neue Jobs entstanden. Verbriefungen und Derivate haben es Unternehmen und Verbrauchern ermöglicht, sich einfacher und günstiger refinanzieren zu können. Denn diese Produkte haben es ermöglicht, Risiken zu streuen, und wenn sie gestreut werden, sinken die Risikoprämien für die Kreditnehmer. Umgekehrt wird bei den Kreditgebern durch die Risikostreuung Kapital freigesetzt, das sie an anderer Stelle investieren können.

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