Umstrittener Zusammenhang zwischen Globalisierung und Inflation
Bremst sie oder bremst sie nicht?

Die Frage, ob Globalisierung und sinkende Inflationsraten miteinander zusammenhängen, ist noch immer nicht klar beantwortet – und wird in Zentralbanken heftig diskutiert. Pikant dabei: Bundesbank und EZB vertreten diametral unterschiedliche Ansichten.
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Wechselkurse, Lohnentwicklung, Kapazitätsauslastung – all diese Faktoren fließen in die traditionellen ökonomischen Modelle zur Erklärung von Inflation ein. Die Globalisierung aber sucht man darin vergeblich – welchen Einfluss der immer rasantere Welthandel auf die Entwicklung der Lebenshaltungskosten hat, wird in der Inflationstheorie bislang ausgeblendet. Dieses Manko mache die Modelle zunehmend zum „Gegenstand des Spottes“, schrieb der „Economist“ bereits vor zwei Jahren.

Denn der Fall des Eisernen Vorhangs und die Öffnung Chinas haben die Globalisierung seit Anfang der 90er-Jahre drastisch beschleunigt. Mit der Kraft von Millionen billigen Arbeitskräften und von ihnen produzierten Massenprodukten drängten neue Länder auf die Weltmärkte.

Parallel dazu sind die Inflationsraten in den vergangenen zwei Jahrzehnten weltweit gesunken. Zumindest einige Ökonomen vermuten: Zwischen diesen beiden Phänomenen besteht ein kausaler Zusammenhang. Die Globalisierung halte in den Industrieländern die Inflation in Schach – und erleichtere den Zentralbanken die Arbeit.

Die neue Konkurrenz aus dem Ausland, so das zentrale Argument, führe zu einer dauerhaft schärferen Konkurrenz auf den Gütermärkten. Dies schmälere die Preissetzungsspielräume der Unternehmen. Zudem gerieten in den Industrieländern durch die neue Konkurrenz aus dem Ausland tendenziell auch die Löhne unter Druck. „Über einen langsameren Anstieg der Löhne bremst dieser Effekt die Verbraucherpreise indirekt“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Fakt ist: Von 2001 bis 2004 sanken die in Euro gerechneten Importpreise im verarbeitenden Gewerbe der Euro-Zone, der international am stärksten unter Konkurrenzdruck stehenden Branche. Derzeit allerdings ziehen die Einfuhrpreise wieder an. Besonders bemerkenswert dabei ist: Diese Importe wurden teurer, obwohl gleichzeitig der Euro aufwertete, was für sich betrachtet ausländische Güter verbilligt. Ist der inflationsdämpfende Effekt der Globalisierung also doch nicht vorhanden? Oder flaut er mittlerweile ab?

Wissenschaftlich sind diese Fragen bislang weder in die eine noch in die andere Richtung beantwortet. Innerhalb der Profession tobt derzeit eine hitzige Debatte – und zwar nicht nur an den Universitäten, sondern auch dort, wo die Geldpolitik gesteuert wird: in den Zentralbanken. Pikant dabei ist: Europäische Zentralbank (EZB) und Deutsche Bundesbank vertreten in der laufenden Debatte dazu unterschiedliche Ansichten.

Bundesbank-Chef Axel Weber sieht für die These, die Globalisierung habe die Inflation weltweit gedämpft, „keine eindeutigen Belege“. Für die EZB dagegen ist der Zusammenhang klar. Auch auf die Frage, ob der Abwärtsdruck der Globalisierung auf die Importpreise des Euro-Raums nachlasse, fand sie in ihrem jüngsten Monatsbericht eine eindeutige Antwort: „Noch nicht“.

Wie lange und in welchem Ausmaß die billigen Einfuhren die Importpreise im Euro-Raum dämpfen, hängt laut EZB von zwei Faktoren ab. Wichtig ist zum einen, wie stark der Anteil der Einfuhren aus Niedrigkostenländern im Euro-Währungsgebiet zunimmt. In den vergangenen Jahren gab es deutliche Anstiege: 2006 kam jedes zweite Importprodukt in der Euro-Zone aus Schwellenländern, fünf Jahre zuvor war es gut jedes dritte ( 37 Prozent). Für einen nahenden Stillstand sieht die EZB „keine stichhaltigen Belege“. Zudem dürften Niedrigkostenländer „weitere Gütergruppen für sich entdecken“, argumentiert die Commerzbank in einer gerade veröffentlichten Analyse. Auch dies spricht dafür, dass ihre Produkte im Westen weitere Marktanteile gewinnen.

Zweitens, so die EZB, hänge die dämpfende Wirkung „von den unterschiedlichen Preissteigerungen für Importe aus Hoch- bzw. Niedrigkostenländern“ ab. Zwar verteuern sich Einfuhren aus China und den neuen EU-Mitgliedstaaten – aber auch bei Importen aus Industrieländern gebe es diesen Aufwärtstrend.

Allerdings: Der wirtschaftliche Aufstieg von China, Indien und Co. wirbelt nicht nur die globalen Gütermärkte auf – er hat auch steigende Energie- und Rohstoffpreise zur Folge. „Globalisierung kann sehr wohl auch mit höheren Preissteigerungsraten einhergehen“, argumentiert Bundesbank-Chef Weber.

„Der tendenziell inflationsdämpfende Effekt steigenden Wettbewerbs auf der einen und der tendenziell inflationstreibende Effekt gestiegener Rohstoffpreise auf der anderen Seite sind zwei Seiten derselben Globalisierungsmedaille.“ Um eine grundsätzliche Aussage über die Auswirkung der Globalisierung machen zu können, müsse der Netto-Effekt dieser gegenläufigen Entwicklungen geschätzt werden. Das aber sei „schwer“, so Weber. Unter dem Strich ist der Bundesbank-Chef überzeugt: „Globalisierung sorgt nicht für eine kühlende, inflationsdämpfende Brise, die die Arbeit der Notenbanken erleichtert.“

Eine Kerbe, in die auch Laurence M. Ball schlägt. Der Ökonom von der John Hopkins University hat untersucht, ob die Globalisierung das langfristige Niveau der Inflation reduziert, ihre Struktur beeinflusst oder für Schocks gesorgt hat. Balls prägnante Antwort auf alle drei Fragen: „Nein, nein, nein“. Seine Studie, die als Working Paper des National Bureau of Economic Research (NBER) erschien, zählt derzeit zu den am häufigsten im Internet heruntergeladenen Studien der Einrichtung.

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