Unpopoläres
Kluge Chefs delegieren harte Entscheidungen

Kostensenkungen, Werksschließungen, Entlassungen - oft müssen Führungskräfte harte Entscheidungen treffen. Kluge Chefs machen sich in solchen Fällen nicht selbst die Hände schmutzig. Experimente zeigen: Manager, die unpopoläre Entscheidungen ihren Stellvertretern überlassen, fahren damit besser.
  • 0

DÜSSELDORF. Der italienische Staatsphilosoph Niccolò Machiavelli hat es schon im Jahr 1514 empfohlen: Unpopuläre Entscheidungen sollte man am besten anderen in die Schuhe schieben. „Die Fürsten“, riet Machiavelli in seinem Klassiker „Il Principe“, sollten „alle harten Maßregeln durch andere ausführen lassen und Gnadensachen sich selbst vorbehalten“.

Das Delegieren von Aufgaben sehen auch heutige Betriebswirte als Kernaufgabe eines Managers. Allerdings nennen sie meist andere Gründe als Machiavelli: Nur wer nicht alles selbst erledige, habe den Kopf frei für die wirklich wichtigen Fragen. Wer delegiert, könne jede Aufgabe von demjenigen erledigen lassen, der am besten für sie geeignet ist.

Doch auch, wenn kaum jemand offen darüber redet: Machiavellis Argument ist heute ebenfalls hoch aktuell. Zwei Experimentalökonomen liefern dafür in einer noch unveröffentlichten Studie handfeste Belege.

Wer unpopuläre Entscheidungen auf andere abwälzt, wird von den Betroffenen für das gleiche Endergebnis weit weniger haftbar gemacht, als wenn er selbst agiert, zeigen Björn Bartling von der Universität Zürich und Urs Fischbacher von der Universität Konstanz. Und sie können zudem belegen: Viele Menschen delegieren vor allem deswegen, weil sie sich bei unangenehmen Entscheidungen moralisch aus der Verantwortung ziehen wollen.

Mit mehr als 820 Probanden haben die beiden Forscher im Labor unangenehme Situationen durchgespielt, in denen die Versuchsteilnehmer die Option hatten, jemand anderes für sich entscheiden zu lassen. Das Experiment war so angelegt, dass das Verschieben von moralischer Verantwortung das einzig mögliche Motiv für das Delegieren einer Entscheidung war. Alle anderen Gründe, die Management-Forscher sonst noch für das Abgeben von Verantwortung anführen, wurden ausgeblendet, um die Bedeutung des Machiavelli-Effekts messen zu können.

Jeweils vier Probanden bildeten in den Experimenten ein Team, das man sich als Kleinunternehmen oder Abteilung vorstellen kann. Einer der vier Versuchsteilnehmer war der Chef, ein anderer sein Stellvertreter; die beiden restlichen Probanden bildeten die Belegschaft. Der Chef musste entscheiden, wie ein Geldbetrag unter den vier Versuchsteilnehmern aufgeteilt wird. Zu vergeben waren 60 Schweizer Franken. Das Geld konnte der Chef nur auf zweierlei Weise verteilen: entweder gleichmäßig, so dass jeder 15 Franken bekam. Oder unfair – dann bekamen Chef und Stellvertreter jeweils 27, während für die beiden anderen nur jeweils drei Franken übrig blieben.

Der Chef konnte die Entscheidung über die Aufteilung entweder selbst treffen oder sie an seinen Stellvertreter delegieren. Darauf, ob dieser sich für die faire oder die unfaire Alternative entscheidet, hatten sie dann keinen Einfluss mehr. Die Angestellten kannten die Alternativen und wussten, ob der Chef die Entscheidung delegierte oder nicht. Sie mussten jede Entscheidung hinnehmen, konnten sich aber rächen: Für ihre drei Franken durften sie bei der Versuchsleitung Strafpunkte im Wert von bis zu 20 Franken kaufen und diese auf die beiden Chefs verteilen. Deren Gewinn reduzierte sich dann jeweils dementsprechend.

Seite 1:

Kluge Chefs delegieren harte Entscheidungen

Seite 2:

Kommentare zu " Unpopoläres: Kluge Chefs delegieren harte Entscheidungen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%