US-Ökonom Allan Meltzer
„Die Idee der Euro-Zone war falsch“

Vor radikalen Ideen hatte Allan Meltzer noch nie eine Scheu. Im Interview spricht der US-Ökonom über die falsche deutschen Euro-Politik und erklärt, warum in den USA die Krise noch nicht vorüber ist.
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PittsburghHerr Professor Meltzer, verfolgt man die Debatte um die Finanz- und Eurokrise in den USA, dann hat man den Eindruck, dass die Probleme alleine in Europa liegen. Warum diese schiefe Wahrnehmung?
Ich glaube, sie sind hier in den USA blind. Es muss doch jedem klar sein, dass wir ein unhaltbares Schuldenproblem haben. Und unhaltbare Probleme nehmen irgendwann ein böses Ende. Die Frage ist, ob wir die Courage aufbringen, das Problem in den Griff zu bekommen, so lange das noch möglich ist. Das Volumen der ungedeckten Verbindlichkeiten liegt bei 700 Milliarden bis zu einer Billion Dollar. Wir können das gesamte Vermögen der reichsten zehn Prozent Reichen wegsteuern – aber es wird dem Schuldenberg nicht einmal eine Delle zufügen. Es gibt nur einen Weg: Wir müssen die Ausgaben kürzen.

Newsweek titelte jetzt: Die USA sind wieder zurück. Macht man sich da etwas vor?

Wir haben hier doch eine ganze Reihe von Problemen: Das Budgetdefizit habe ich bereits genannt. Dann das Bildungssystem: Wir schicken viel zu viele junge Menschen aufs College – obwohl sie dort gar nicht hingehören. Auf dem College müssen sie dann das nachholen, was in der Schule an Ausbildung versäumt wurde. Das funktioniert aber nicht – und es ist Verschwendung! Da seid Ihr in Deutschland viel weiter. In Eurem System wird viel stärker gefiltert – und vor allem früher gefiltert.

Plus die schwache Exportbilanz...

Ja, die USA müssen ein Exportland werden. Warum? Weil wir eine Auslandsverschuldung von drei Billionen Dollar haben. Und der einzige Weg, um diese Auslandsschulden abzubauen besteht darin, zu exportieren. Es gibt aber eine Hoffnung und das sind die großen Schiefergasvorkommen in den USA. Was hier in der Erde liegt ist größer als die Ölvorkommen Saudi-Arabiens. Wenn wir das Schiefergas ausbeuten, dann kann das unserer Zahlungsbilanz enorm helfen. Aber zu sagen, Amerika sei wieder da und die Probleme lägen hinter uns – das ist Unsinn, kompletter Unsinn.

Als Indiz für das Wiedererstarken der US-Wirtschaft wird gerne auf die Beispiele GM und Chrysler verwiesen, die heute wieder Autos in Rekordzahlen verkaufen. Aber wird dabei nicht vergessen, dass der Staat diesen Firmen sämtliche Altlasten abgenommen hat? Ist das der freie Markt, der stets propagiert wird?

Nein, sicher nicht. Ich war nicht für den Bailout der Autofirmen. Natürlich verstehe ich, dass die Menschen Angst bekommen, wenn so ein Unternehmen Pleite geht. Aber das Geld so hinterherzuwerfen und dabei auch noch die Schuldenabkommen zu verletzen – das war eine sehr schlechte Sache. Dazu kommt aber noch eine andere Dimension: Bisher waren wir immer ein Staat des Rechts. Jetzt aber werden wir ein Staat der Regulierung. Wo es aber viel Regulierung gibt, da gibt es auch viel Korruption. Es schafft ein Privilegiensystem für jene, die von bestimmten Vorschriften profitieren, während andere benachteiligt werden.

Wie beurteilen sie die Bilanz der US-Notenbank Fed? Hat sie sich mit ihren Interventionen verhoben?

Die Bilanz ist nicht ganz so schlecht wie die der EZB (lacht). Aber beide Banken liefern sich ein Wettrennen um diesen Titel. Das Schlimmste aber ist: Die Fed hat keinen Plan, zumindest keinen durchdachten Plan, wie sie die schlechten Kredite, die in ihrer Bilanz stehen, wieder loswerden kann.

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  • Mich würde nun wirklich mal interessieren wieviel Kohle der Prof. für sein Interview vereinahmen durfte. Soweit so gut, Wissen darf berechtigter Weise auch bezahlbar sein und verlangt werden.

    Jemand der über den Tellerrand hinausblickte, erlebte bereits im Jahre 1985, wie sich eine Dame von 80 Jahren, gezwungenermaßen, in einer Mall als Verkaufspersonal verdingte. Es war so unglaublich für mich, daß sie mir später ihren Ausweis zeigte. Es stimmte leider.

    Andere wiederum und das ist die große Schar der US-Wähler sind so demokratisch, daß in ihrer Art zu leben, notfalls Kriege angezettelt werden, um die Wirtschaft am Leben zu halten. Der Beispiele gibt es zur Genüge.

    Was wir noch nicht haben, Frankreich längst eingeführt, die Rentenversicherungspflicht, davon wollen in den USA nur ein Bruchteil der Bevölkerung etwas wissen. Ansonsten "money talks as long you're your own owner". Und die Krankenversicherung ist in den USA auch nicht gerade obligatorisch.

    Paradebeispiel für die eigene Überschätzung, geradezu ein politisches Desaster offenbart sich mit dem ESM und frei der Devis "weiter so Deutschland" bedient sich die cdu auch noch Kohl als Einheizer. Selbst Helmut Schmidt, der sich für den NATO-Doppelbeschluß stark gemacht, sah -zwar sehr spät- aber schlußendlich ein, daß seine Politik in dieser Richtung die Ziele verfehlte.

    Und wenn wir schon dabei sind, Helmut Kohl wollte als Einheitskanzler der blühenden Landschaft in die Geschicht eingehen. Er muß wohl etwas verwechselt haben. Richtig in Deutschland herrscht eine Klasse, denen der Schein lieber als Sein ist. Da schickten sich Armadas von 'Anglo-Amerikanern' an und solche die hier immer noch ihr Wesen als "willkommene Froinde" an den Tag legen und gebetsmühlenartig die Mär davon erzählen, wie gut es sei, solche Doitsche zu Freunden zu haben, die stets zu Diensten sind, wenn gerufen wird.

    Davon nimmt sich ein gradliniger Linkssozialist aus, seit er die politische Bühne betrat, Oskar Lafontaine.

  • Es ist einfach dreist, wie die sog. Wirtschafts-"Wissenschaftler" neoklassischer Couleur trotz ihres unfaßbaren Versagens bei der Finanzkrise und i.ü. auch sonst hier ihre tollen Ratschläge erteilen.

    Die VWL ist und bleibt eine reine Herrschaftsrechtfertigungsideologie und erteilt immer nur Ratschläge, die die Kapitaleigner begünstigen sollen. Jede Verteilungslage, und sei sie noch so ungerecht und unzweckmäßig, wird von ihnen akzeptiert und zur Grundlage ihrer Vorschläge gemacht. Deswegen sind Lohnkürzungen für die derzeitigen Ökonomen immer "ökonomisch OK".

    Weswegen es Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrisen gibt, davon hat die neoklassische VWL keine Ahnung. Und das ist auch für jeden erkennbar. Die neoklassische Theorie des Arbeitsmarktes ist ein Witz. Wie kann man annehmen, daß es einen Reservationslohn gibt? Nimmt man an, daß die Arbeiter bei sinkendem Lohn weniger arbeiten, so wie es die herrschende neoklassische VWL tut, dann nimmt man bei niedrigen Löhnen praktisch an, daß die Arbeiter lieber in ihrer Freizeit verhungern als zu arbeiten.

    Es ist auch völlig unklar, wieso eine Erhöhung der Produktivität die Arbeitslosigkeit senken würde. Eine solche Sichtweise denkt nur aus Unternehmersicht in der Konkurrenz zwischen "Standorten", kann also nur die Verlagerung der Arbeit bzw. umgekehrt der Arbeitslosigkeit erklären. Sie kann aber nicht erklären, wieso es in praktisch allen Standorten Arbeitslosigkeit gibt.

    Der Weg aus der Wirtschaftskrise führt nur über eine Ignorierung der Ratschläge der neoklassischen Ökonomen und die Entwicklung einer neuen nicht neoklassischen Ökonomie.

  • Was ist dieser Euro für ein Desaster!
    Viel schlimmer, als die wenigen totgeschwiegenen Kritiker von damals und heute prophezeiht hatten.
    Ein Desaster nicht nur für Griechenland, nein ein Desaster für alle Beteiligten und eine Gefahr für die ganze Weltwirtschaft.
    Warum lassen wir diesen Euro immer weiter vor sich hin vegetieren mit immer höheren Kosten für alle?
    Weil die politische Klasse, die uns diesen Euro eingebrockt hat ihr Gesicht wahren will.
    Um jeden Preis, koste es, was es wolle.
    Eher lassen sie die Welt untergehen, bevor sie zugeben würden: wir haben uns geirrt, wir haben einen Fehler gemacht, die Kritiker von damals hatten recht und wir hatten unrecht.

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