US-Wahlen
Mit nur 11000 Dollar ins Weiße Haus

Der amerikanische Topökonom Laurence Kotlikoff hat ganz Großes vor: Er will der nächste US-Präsident werden.
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Es sind radikale Vorschläge, die der Ökonom Laurence Kotlikoff mit stockender, monotoner Stimme an diesem Januar-Tag in einem fensterlosen Konferenzraum eines Chicagoer Hotels vorstellt. Nicht realisierbare Vorschläge, sind viele seiner Fachkollegen überzeugt: Das Schuldenmachen will Kotlikoff den Banken vollständig verbieten. Geldinstitute, so will es der Wissenschaftler, sollen künftig mit einer Eigenkapitaldecke von 100 Prozent agieren.

"Dann haben wir ein Finanzsystem, das niemals zusammenbrechen wird" , sagte der Professor der Boston University auf der Jahrestagung der American Economic Association vor gut einer Woche in Chicago. Warum das so ist, versucht der international angesehene Finanzwissenschaftler mit einem abstrakten, mathematischen Modell zu erklären.

Ein ganz normaler wissenschaftlicher Vortrag auf der wichtigsten Ökonomenkonferenz der Welt? Nicht ganz. Der Professor, der dort sprach, will diese Ideen in die Praxis umsetzen. Höchstselbst.
Dafür will er sich am 6. November 2012 zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika wählen lassen. Anfang Januar hat der Wissenschaftler das angekündigt, antreten will er als parteiloser Kandidat.
Kein verschrobener Sonderling.

Nein, das ist nicht nur eine fixe Idee, betont Kotlikoff in Chicago im Gespräch mit dem Handelsblatt. "Ich mache das", sagt er, "ich will gewinnen." Sein Wahlprogramm stehe schon weitgehend - und der Komplettumbau des Finanzsektors sei nur einer von mehreren Bausteinen. Auch das Steuer- und Sozialsystem will er radikal umkrempeln.. Derzeit arbeite er eine neue Bildungspolitik aus - beraten lasse er sich dabei vom Nobelpreisträger James Heckman.


"Die Vereinigten Staaten sind wirtschaftlich in einer verzweifelten Lage und ich der richtige Mann, um einen Ausweg zu finden", betont er. Schließlich handele es sich hauptsächlich um ökonomische Probleme - Themen, die Kotlikoff seit Jahrzehnten erforscht hat. "Auf diesem Gebiet bin ich der Experte. Alle anderen Kandidaten müssen sich ihr Wissen dazu aus zweiter Hand besorgen."

Kotlikoff ist längst nicht der einzige Außenseiter, der sich im November zur Wahl stellen will: Mehr als 160 Amerikaner, die nicht den beiden etablierten Parteien angehören, haben sich bereits als Herausforderer von Barack Obama bei den Wahlbehörden registrieren lassen - darunter der stets nackt auftretende New Yorker Straßenkünstler Robert Burck und der Skandalprediger Terry Jones, der 2011 öffentlich den Koran verbrennen wollte.

Doch es wäre ein Fehler, den 60-jährigen Kotlikoff mit diesen verschrobenen Sonderlingen gleichzusetzen. Der Professor aus Boston gilt als weltweit renommierter Experte für Staatsfinanzen, Steuersysteme und Sozialversicherungen. 15 Bücher und rund 80 Aufsätze hat der Forscher dazu seit 1977 geschrieben; regelmäßig hat er in den besten Fachzeitschriften der Welt veröffentlicht.

"Kotlikoff ist ein unglaublich cleverer Kopf und einer der innovativsten Finanzwissenschaftler", sagt der Freiburger Ökonom Bernd Raffelhüschen, der viel zusammen mit Kotlikoff geforscht hat. Auch Clemens Fuest, Finanzwissenschaftler an der Universität Oxford, hält Kotlikoff für einen "außerordentlich brillanten Ökonomen".

Berühmt geworden ist Kotlikoff in seinem Fach vor allem mit einem Verfahren zur Berechnung der versteckten Staatsverschuldung. Zusammen mit Alan Auerbach (Berkeley) hat er gezeigt: Die offiziellen Statistiken zur Haushaltslage eines Staats zeichnen ein unvollständiges Bild. Zusätzlich bürden wir künftigen Generationen über die Renten- und Sozialversicherung gewaltige Lasten auf. Diese Methode ist in der Disziplin anerkannt und wird auch vom Sachverständigenrat genutzt.

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