Verein für Socialpolitik: Fachkollegen entzaubern Sarrazin

Verein für Socialpolitik
Fachkollegen entzaubern Sarrazin

Anwesend war er nicht, präsent hingegen schon: Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin hat mit seinem umstrittenen Buch der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik Ende letzter Woche in Kiel eine ungeahnte Aktualität verliehen. Deutschlands Volkswirte diskutierten über die Ökonomie der Familie - und entkräfteten die Thesen des Ex-Bankers.
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KIEL. Auf der wichtigsten Volkswirte-Konferenz im deutschsprachigen Raum diskutierten die Wissenschaftler über ähnliche Themen, wie sie Sarrazin bewegen - zum Beispiel über die niedrigen Geburtenraten in Deutschland und die Bildungsprobleme von Zuwanderern. "Im Grunde müssen wir Thilo Sarrazin dankbar sein", sagte der Mannheimer Ökonom Axel Börsch-Supan, der das Programm organisiert hatte. "Er hat familienökonomische Themen in den Vordergrund gebracht."

An diesen Punkt allerdings enden die Sympathien für Sarrazin. Denn seine Argumente und Schlussfolgerungen, so zeigte sich in vielen Vorträgen, sind plump und falsch. "Seine Aussagen zur Vererbbarkeit von Intelligenz hinken mindestens eine Generation hinter dem Stand der Forschung hinterher", sagte Börsch-Supan. Heute wisse man: Das Erbgut habe zwar Einfluss auf die Intelligenz - viel wichtiger aber seien sozioökonomische Faktoren. Diese entschieden darüber, welche der genetischen Informationen sich ausprägen.

Genauso argumentierte die New Yorker Professorin Janet Currie, die sich intensiv mit der Kluft zwischen Schwarzen und Weißen in den Vereinigten Staaten beschäftigt hat. "Wenn es dauerhafte Unterschiede zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen gibt, bedeutet das noch lange nicht, dass diese genetische Ursachen haben", betonte die Professorin für Gesundheitsökonomie an der Columbia University.

Ein einfaches Beispiel sei die Körpergröße eines Menschen. Zwar gebe es in Familien einen klaren Zusammenhang zwischen der Größe der Eltern und der Kinder. Doch die unmittelbaren Erbanlagen spielten dabei aber nur eine geringe Rolle. Currie: "Nur rund fünf Prozent der Körpergröße lässt sich mit dem direkten Blick in das Erbgut erklären." Der Rest hänge von Umgebungsfaktoren ab, zum Beispiel Ernährung und Hygiene in der Kindheit und Jugend. "Es ist ein komplexes Zusammenspiel der genetischen Anlagen und der Einflüsse von außen, das die menschliche Entwicklung bestimmt."

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  • Selbstverständlich hat das Erbgut einen wesentlichen Anteil am Leben eines Menschen.
    Vor einigen Tagen gab es eine Reportage über die Kindersterblichkeit im Gazastreifen. Neben den unvorstellbaren hygienischen Verhältnissen in denen diese Menschen leben, ist der Hauptgrund für diese Sterblichkeit in den, seit vielen Generationen praktizierten, Verwandtenehen zu finden. Nach dem Mauerbau der israelis ist dieser Teil noch höher geworden, weil einige Dörfer, in denen weitere Verwandte wohnen, nicht mehr als „Genpool“ zur Verfügung stehen.
    in berlin ist einer Sozialpädagogin türkischer Abstammung aufgefallen, daß viele türkische Jungen schlecht hören. Der Grund war für sie klar, nachdem sie die Heiratsgewohnheiten dieser Familien herausgefunden hatte.
    intelligenz wird nicht in dem Sinne vererbt, wie etwa eine sehr große Nase. Die Anlagen dazu werden vererbt und müssen nach der Geburt von den Eltern aktiviert werden. Dies findet in zu großem Umfang in Familien aus dem türkisch/arabischen Raum nicht statt. in weiten Teilen dieser Sozialisation haben Schule und Schulbildung der Erwachsenen und dann der Kinder keinen Stellenwert. Wenn Kinder in der Schule durch mangelhafte Leistungen, schlechte Auffassungsgabe (denke nicht) etc. auffallen, hat dies unmittelbar mit den Verhältnissen in den Familien zu tun. Wenn dort die Auffassung vorherrscht: “ich bin auch ohne Schule ein Mann geworden“, muß sich niemand über die schulischen Mißerfolge zumindest des männlichen Nachwuchses wundern. bei den Mädchen sieht dies in den meisten Fällen anders aus, die müssen sich auch nicht über Männlichkeitsrituale definieren, um darüber in der archaischen Männerwelt anerkannt zu werden, die haben Zeit zum lernen, - wenn man sie läßt und sie nicht durch Hausarbeit oder der bedienung der „Prinzen“ davon abhält.

  • "Soziale Ungleichheit", betont Currie, "besteht schon bei der Geburt." ... und dennoch hat das Erbgut keinen wesentlichen Einfluss!
    Es ist unglaublich, zu welchen Verrenkungen sich politisch korrekte Gutmenschen hingeben nur um ihr naives und geschöntes Weltbild aufrecht erhalten zu können.

  • @ [7] Günther W: Es ist so, die "Argumente" der Sarrazin-Gegner werden immer absurder. ich brauche nur an die ersten Reaktion in den Medien zu denken, wo am beispiel weniger gut integrierter Migranten widerlegt werden sollte, dass ein integrationsproblem in Deutschland besteht.

    ich habe Sarrazins buch leider noch nicht gelesen, aber je mehr ich diese Medienkampagnen verfolge, desto weniger glaube ich, dass unsere politisch korrekten Multikulti-Fans Sarrazins Thesen etwas Handfestes entgegenzusetzen haben.

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