Verein für Socialpolitik
Gleiche Daten, andere Ergebnisse

Bei ihrer Jahrestagung in Göttingen geben sich die deutschen Ökonomen selbstkritisch. Gleichzeitig untersuchen sie, warum sie sich eigentlich so oft widersprechen. Doch vermeintliche Fakten machen Probleme.
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GöttingenZwei Ökonomen, drei Meinungen heißt es oft. Tatsächlich sorgen die Volkswirte mit ihren divergierenden Meinungen meist für noch mehr Verwirrung. Um zu ergründen, wer recht hat, gibt es eigentlich die Statistik: Mit Hilfe von Daten, so die Hoffnung, kann dann die Wahrheit ans Licht kommen – und die Politik besser beraten werden. Doch auch statistische Studien zu ein und demselben Thema kommen meist zu widersprüchlichen Aussagen. Das zeigte der St. Gallener Forscher Gebhard Kirchgässner, der beider Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik die sogenannte Thünen-Vorlesung halten durfte.

Der Statistik-Experte hatte sich alle Studien zur Frage vorgenommen, ob eine höhere Staatsquote das Wachstum eines Landes bremst. Dabei stellte er fest: Zwölf Studien der letzten Jahre sagen ja, sieben kamen zum gegenteiligen Ergebnis: Danach steigt das Wachstum eher. Und 22 Studien fanden gar keinen Einfluss. Ähnlich schizophren ist die Datenlage bei der Frage, ob Schusswaffenverbote die Mordrate senken oder ob die Kriminalität abnimmt, wenn die Abtreibung erlaubt ist.

Kirchgässner selber wundert sich nicht über seine Erkenntnis. So bestimme die Grundüberzeugung eines Forschers nun einmal auch seine Herangehensweise an wissenschaftliche Fragen - auch statistische Forscher seien Menschen mit grundsätzlichen ökonomischen Überzeugungen.

Dazu komme das Interesse derjenigen, die eine Studie bestellen: „Wer eine Untersuchung in Auftrag gibt, der sucht sich meist diejenigen Forscher aus, die seiner eigenen Meinung am nächsten kommen“, sagte er. Um hier in Zukunft mehr Licht ins Dunkel zu bringen, verabschiedete der Verein für Socialpolitik in Göttingen einen Ethik-Kodex, der Forscher dazu verpflichten soll, die Sponsoren von Auftragsforschung stets offenzulegen.

Darüber hinaus scheinen sich die Ökonomen aber auch als Gruppe von anderen Forschungsdisziplinen zu unterscheiden. Das merkte Kirchgässner etwa, als er die Studien sichtete, die sich mit der Abschreckungswirkung der Todesstrafe beschäftigen. Ob ein Forscher zu der Erkenntnis kommt, dass durch die Strafe Morde verhindert werden oder nicht, liegt demnach nicht am betrachteten Land oder Zeitraum, sondern vor allem an der Profession des Autors: Wenn Volkswirte die Daten kneten - und nicht etwa Juristen, Psychologen oder Soziologen -, dann kommt deutlich öfter heraus, dass die Todesstrafe tatsächlich abschreckt. „Ökonomen glauben eben an Anreize“, sagte Kirchgässner.

Sind also statistischen Untersuchungen per se wertlos für die Politik? Nein, findet Kirchgässner, aber er fordert eine behutsamere Betrachtung der veröffentlichten Studien. So sollten künftig möglichst alle Berechnungsmethoden und Datensätze öffentlich zugänglich gemacht werden, damit andere Forscher die Ergebnisse nachrechnen können. „Wir brauchen mehr Debatten über das Studiendesign“, sagte er. Seinen Kollegen empfahl er, Studenten oder Doktoranden in Hausarbeiten alte Studien nachrechnen zu lassen.

„Wir sind nun einmal Sozial- und keine Naturwissenschaftler, bei denen die Gesetzmäßigkeiten klar sind“, rechtfertigte sich Michael Burda, Chef des Vereins für Socialpolitik, für die Konfusion, die ökonomische Untersuchen oft stiften. Daran werde sich auch vorerst nichts ändern. Ähnlich sieht es Burdas Vorstandskollege Andreas Dombret von der Deutschen Bundesbank: „Die Wirtschaftswissenschaft ist bekanntlich die einzige Disziplin, in der zwei Forscher den Nobelpreis dafür bekommen, dass sie sich exakt widersprechen“, scherzte er.

Der Redakteur des Handelsblatts ist Experte für Konjunktur.
Hans Christian Müller-Dröge
Handelsblatt / Redakteur

Kommentare zu " Verein für Socialpolitik: Gleiche Daten, andere Ergebnisse"

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  • "Die einen Volkswirte sind neutrale Fachleute"
    Genau diese gibt es nicht.

  • Die Erklärung ist doch ganz einfach:

    Die einen Volkswirte sind neutrale Fachleute, die anderen sind regierungsabhängige Manipulateure - und die Presse läßt sich munter einspannen.

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