Vernon Smith
Der Experimentator

Durch Zufall wurde der Ökonom Vernon Smith zum Vater der experimentellen Wirtschaftsforschung. Der eigenwillige Forscher erhielt dafür 2002 den Ökonomie-Nobelpreis. Begonnen hat alles mit einem Rollenspiel.

DÜSSELDORF. Eigentlich wollte es der junge, gerade 29 Jahre alt gewordene Ökonomieprofessor seinen Studenten nur ein bisschen leichter machen: Um zu erklären, warum Märkte in der Realität oft nicht so perfekt funktionieren wie im Lehrbuch, ließ Vernon Smith im Januar 1956 seine Studenten ein Rollenspiel spielen. Die eine Hälfte agierte als Anbieter eines fiktiven Gutes, die andere als Nachfrager. Jeder „Käufer“ kannte nur seine maximale Zahlungsbereitschaft, jeder „Verkäufer“ seine „Produktionskosten“.

Das Ergebnis dieses Experimentes verblüffte den Forscher allerdings komplett: Angebot und Nachfrage pendelten sich in kurzer Zeit beim theoretisch prognostizierten Gleichgewichtspreis ein – obwohl fast alle Voraussetzungen für das effiziente Funktionieren von Märkten verletzt waren. Ein zufälliges Resultat, dachte Smith und wiederholte das Experiment mit anderen Teilnehmern und anderen Parametern. Doch heraus kam immer das Gleiche. „Nach und nach kam ich zu der Überzeugung: Die Experimente legten eine grundlegende Wahrheit über Märkte offen“, berichtet Smith. Dies funktionieren offenbar besser, als sich theoretisch erklären lässt.

Was der Ökonom damals nicht ahnte: Weit wichtiger als die inhaltlichen Ergebnisse seiner Hörsaal-Versuche war seine methodische Pionierarbeit. Bis zu jenem Tag im Winter 1956 hatten Wirtschaftswissenschaftler ihre Hypothesen nur mit mathematischen Beweisen oder der Analyse von Felddaten aus dem realen Leben getestet – Experimente wie in den Naturwissenschaften galten als unmöglich. „Ich war durch Zufall über ein Instrument gestolpert, mit dem man ökonomische Ideen testen konnte“, erinnert sich Smith.

Fast ein halbes Jahrhundert nach seinem ersten Experiment im Hörsaal der Purdue University tief in der amerikanischen Provinz im Bundesstaat Indiana bekam Smith dafür 2002 den Ökonomie-Nobelpreis.

Dass ausgerechnet er es war, der die experimentelle Wirtschaftsforschung begründete, ist kein Zufall. Bevor er sich Ende der vierziger Jahre der Ökonomie zuwandte, hatte Smith am California Institute of Technology Ingenieurwissenschaften studiert und Vorlesungen bei Linus Pauling und Robert Oppenheimer besucht. Das wirtschaftswissenschaftliche Establishment nahm Smith anfangs nicht ernst. Das renommierte „Journal of Political Economy“ lehnte den Aufsatz, in dem er sein Experiment von 1956 beschrieb, zunächst ab. Zweimal musste Smith den Artikel umschreiben und vier negativ gestimmte Fachgutachter überzeugen, bis der Aufsatz 1962 endlich veröffentlicht wurde.

Heute hat sich das Blatt vollständig gewendet: Kaum ein Forschungszweig in der Ökonomie boomt so stark wie der von Vernon Smith begründete. Arbeiten experimenteller Wirtschaftsforscher gehören inzwischen zu den am meisten zitierten ökonomischen Aufsätzen der Welt. Gerade in den vergangenen Jahren haben viele Unis besonders auch in Deutschland teure, mit Computern und Videokameras gespickte Experimentallabors eingerichtet.

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