Volkswirte
Von der Finanz- zur Sinnkrise

Auch wenn US-Notenbankchef Ben Bernanke beim Notenbanker-Treffen in Jackson Hole den Anfang vom Ende der Wirtschafts- und Finanzkrise prophezeit hat: Ökonomen müssen aus den vergangenen zwei Jahren noch eine Menge lernen.
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ZÜRICH/DÜSSELDORF. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat das Vertrauen führender Volkswirte in Methoden, Annahmen und Erkenntnisse der Volkswirtschaftslehre (VWL) erschüttert. Die Unsicherheit geht so weit, dass selbst die bisherige Ursachenanalyse der Krise infrage gestellt werden muss. Diesen Schluss zogen international renommierte Makroökonomen am vergangenen Wochenende auf der traditionellen Sommerkonferenz der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) im Ferienort Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming - auch wenn US-Notenbankchef Ben Bernanke dort den Anfang vom Ende der Krise prophezeite.

Die seit 1978 jährlich stattfindende Klausurtagung am Rande der Rocky Mountains, an der Notenbanker, Finanzminister und Makroökonomen teilnehmen, ist eine der wichtigsten ökonomischen Konferenzen des Jahres. "Finanzstabilität und makroökonomische Stabilität" lautete in diesem Sommer das Oberthema der Konferenz.

Vor allem die Rolle, die die Geld- und Fiskalpolitik bei der Stabilisierung der Wirtschaft spielen können, bewerten Ökonomen nach den Erfahrungen der vergangenen beiden Jahre neu. Im Sommer 2005 hatte der damalige US-Notenbankchef Alan Greenspan auf der Jackson-Hole-Konferenz noch erklärt, der Rückgang des Staatseinflusses auf die amerikanische Wirtschaft seit Ende der 70er-Jahre habe das Land weniger krisenanfällig gemacht. "Höhere Flexibilität erlaubt es der Wirtschaft, sich automatisch an Schocks anzupassen", lautete Greenspans Überzeugung. "Dadurch reduziert sich die Abhängigkeit von Aktionen der Notenbanken und Wirtschaftspolitiker, die in der Vergangenheit oft zu spät kamen oder fehlgeleitet waren."

Vier Jahre später hat sich der Wind gedreht. "Nach zwanzig Jahren makroökonomischer Stabilität zwingt uns die Krise zu einer Neubewertung der Frage, welche Fähigkeiten die Notenbanken zur Stabilisierung der realen Wirtschaft haben", argumentiert Carl Walsh, Ökonomie-Professor an der University of California, Santa Cruz, in einem für die diesjährige Jackson-Hole-Tagung geschriebenen Diskussionspapier.

Wirksame Rezepte gegen Finanzkrisen setzten nach Meinung von Ricardo Caballero und Pablo Kurlat jedoch voraus, dass die Ursachen der Misere richtig geortet werden. Die beide Ökonomen vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) kommen in ihrer Analyse zu dem überraschenden Ergebnis, dass nicht die US-Immobilienblase, fehlende Regulierungen oder eine zu lockere Geldpolitik die aktuelle Finanzkrise zu einer wirtschaftlichen Pandemie gemacht haben. Der weltweite Schock sei vielmehr dadurch entstanden, dass sich die Probleme auf dem US-Immobilienmarkt wie ein Flächenbrand in Windeseile rund um den Globus ausbreiten konnten. Erst durch die damit verbundene Unsicherheit sei es zu einer Panik auf den Finanzmärkten gekommen.

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