Volkswirtschaftslehre
Der Kölner Emeriti-Aufstand

Treten die Kölner Volkswirte die Tradition ihrer Fakultät mit Füßen, und laufen sie falschen Moden nach? Pensionierte Professoren machen Front gegen den Kurs ihrer jüngeren Kollegen. Die Fakultät will sechs freie Lehrstühle zu einer Makro-Forschergruppe zusammenfassen. Damit, so die Kritik, werde das Erbe Alfred Müller-Armacks verraten.
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An der Universität Köln ist ein heftiger Streit über die Ausrichtung der Volkswirtschaftslehre ausgebrochen. Emeritierte Professoren, eine Reihe prominenter Absolventen und Förderer laufen Sturm gegen geplante Personalentscheidungen der Universität. Diese stellten den "guten Ruf der Kölner Wirtschaftswissenschaften, der auf der Praxisnähe des akademischen Unterrichts gerade auch in Fragen der Wirtschaftspolitik beruhte, infrage", schreiben Hans Willgerodt (85) und Christian Watrin (78) in einem Thesenpapier, das dem Handelsblatt vorliegt.

Stein des Anstoßes sind die Pläne der Fakultät, sechs vakante VWL-Lehrstühle zu einem Forschungsschwerpunkt für Makroökonomie aufzubauen. Deshalb sind diese Professorenstellen im Paket ausgeschrieben worden. Die Fakultät hofft, so eine Gruppe von jungen, an der internationalen Forschungsfront orientierten Wissenschaftlern berufen zu können. Derzeit laufen die Verhandlungen mit den sechs Makroökonomen. Nehmen alle den Ruf nach Köln an, entstünde dort der größte makroökonomische Forschungsschwerpunkt Deutschlands. Bislang ist dieser Bereich nach Ansicht vieler Volkswirte an Universitäten hierzulande unterrepräsentiert.

Eine stärkere Spezialisierung der Hochschulen gilt unter Bildungsexperten als Königsweg, um im Wettbewerb um Mittel, Forscher und Studenten zu bestehen. So war es erklärtes Ziel der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern, die Schwerpunktbildung an den Unis zu fördern.

Willgerodt und Watrin halten den Fokus auf moderne Makroökonomie allerdings für falsch. Der Schwerpunkt gehe zulasten des alten Markenzeichens der Kölner VWL. Köln war über Jahrzehnte eine Hochburg der ordoliberalen Wirtschaftspolitik. So lehrte Alfred Müller-Armack, Berater von Ludwig Erhard und Vater der "Sozialen Marktwirtschaft", von 1950 bis 1970 an der Uni Köln. Später hielten Willgerodt und Watrin diese Tradition hoch - ebenso Günter Schmölders, Karl-Heinrich Hansmeyer und zuletzt der 2007 emeritierte Juergen B. Donges und Johann Eekhoff, der demnächst in Ruhestand geht.

"Die geplanten Berufungen von Makroökonomen auf die wirtschaftspolitischen Lehrstühle kämen einer kompletten inhaltlichen Umwidmung gleich", sagt Steffen Roth, Geschäftsführer des Kölner Instituts für Wirtschaftspolitik. Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft, vertritt die Ansicht, dass durch den neuen Kurs die "in der Tradition Müller-Armacks stehenden Lehrstühle für Wirtschaftspolitik gestrichen werden".


Allerdings wird die Zahl der VWL-Professoren in Köln durch die Makrogruppe nicht verändert. Es fallen auch keine Stellen weg. Was mit den neuen Makroökonomen verschwinden soll, sind die bisher in deutschen Fakultäten üblichen Organisationsstrukturen.

Die neuen Wissenschaftler wollen sich wie ein angelsächsisches Department organisieren. Dort gibt es keine Hilfskräfte oder Assistenten, die nur einem speziellen Professor unterstellt sind. Vielmehr stehen auch Assistenten mit Zeitverträgen gleichberechtigt neben den Professoren und arbeiten je nach Thema und Bedarf mal mit dem einen, mal mit dem anderen Professor zusammen.

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